"Nach Gott hat Shakespeare am meisten geschaffen." Diesen Satz sprach Alexandre Dumas, selbst ein sehr produktiver Mann, mit der Geste der Entwaffnung: Man kann diesen Engländer nicht übertreffen. Tatsächlich hat Shakespeare uns die vitalsten, tiefsten und abgründigsten Theaterfiguren der Weltliteratur hinterlassen: Othello, Jago, Julia, Hamlet, Lear, Shylock, Viola, Richard III., Falstaff, Prospero und unzählige andere. Von Shakespeares Leben weiß man wenig, und so sind seine Figuren (und alle Schauspieler) seine wahren Nachfahren und Meldereiter – sie leben in seinem Namen weiter.

Der Literaturwissenschaftler Harold Bloom, liegt vielleicht nicht ganz falsch, wenn er sagt, dass Shakespeare jener Mann sei, der den modernen Menschen erst "erfunden" habe: "Shakespeare wird immerfort uns erklären (...). Seine Dramen sind größer und mächtiger als mein Bewusstsein, und sie lesen mich besser als ich sie."

Shakespeare hat die Dramenwerke, Erzählungen, Mythen, die er vorfand, weidlich verarbeitet: die Stücke seiner Zeitgenossen, die Werke der Griechen und Römer, Volksbücher und Chroniken. Aber die Stoffe und Figuren erlangten unter seiner Hand eine Qualität, die man nur mit Universalität bezeichnen kann: Sie verloren ihre örtliche und zeitliche Beschränkung. Pralle, störrische Komplexität, ein über jeden dramatischen Plan hinausschießender, zweckfreier Lebensübermut prägen ihr Wesen.

Einstmals waren Theaterfiguren in ihrem Denken und Handeln auf Gott bezogen, vor ihm bewährten sie sich, vor ihm versagten sie. In der protestantischen Shakespeare-Zeit änderte sich das: Die Figuren, die nun die Bühne betraten, maßen sich untereinander, und sie suchten nicht mehr Gott, sondern ihren ureigenen Lebenssinn. Sie wandelten sich andauernd, sagt Bloom, da sie sich selbst beim Reden belauschten und also neu begriffen: "Selbstbelauschung ist ihr Königsweg zur Individuation."

Robert Musil hat es so beschrieben: Shakespeare sei es gelungen, eine Welt zu erschaffen aus nichts als Luft. Seine Figuren entstünden aus einer barocken Suada, "die nicht aus dem Munde wirklicher Menschen kommt, sondern gar nichts braucht, in der Luft entsteht, da ist, wächst ... und auf einmal unter sich Menschen ansetzt".

In welcher Luft entstand Shakespeare? William wurde in Stratford-upon-Avon geboren, vermutlich am 23. April 1564. Er war das zweite Kind von John Shakespeare und Mary Arden. Seine ältere Schwester starb als Säugling, und so trug "Will" die Last und genoss die Privilegien eines Erstgeborenen. Sein Leben war, wie das jedes Zeitgenossen, in steter Gefahr. Drei Monate nach seiner Geburt brach die Pest aus. Zu normalen Zeiten lag die Kindersterblichkeit bei 16 Prozent, nun starben zwei Drittel. England war im 16. Jahrhundert ein durch Krankheiten entvölkertes Land, seine Einwohnerzahl lag bei drei bis fünf Millionen Menschen, sie war viel geringer als etwa im 13. Jahrhundert. Shakespeares allergrößte Leistung, so schreibt einer seiner Biografen, Bill Bryson, sei nicht der Hamlet, sondern die Tatsache, dass er sein erstes Lebensjahr überstand.

Vermutlich – Beweise gibt es nicht – hat William die Grammar School von Stratford besucht, deren Fachwerkgebäude noch heute in der Church Street steht und jetzt als Wohnhaus dient. Der Unterricht war hart, er dauerte von sechs Uhr früh bis fünf Uhr nachmittags, er erfolgte unter der Androhung und Exekution von Gewalt, und in seinem Mittelpunkt stand der Drill des Lateinischen. In dieser strengen Schule könnte Shakespeare den Genuss entdeckt haben, den es bedeutet, mit Wörtern zu spielen. Wills Wortschatz ist gewaltig, diesem Mann verdankt die englische Sprache unzählige neue Ausdrücke.

Schon deshalb gab es über die Jahrhunderte hinweg zahlreiche "Experten", die mit aller Entschiedenheit bestritten, dass Shakespeare, ein einfacher Junge vom Land, der Schöpfer großer Dramen sein könne. Statt seiner, so lautet eine Theorie, müsse der Earl of Oxford, ein Vertrauter der Königin Elizabeth, das gewaltige Werk geschaffen haben (davon handelt Roland Emmerichs Film Anonymous); andere behaupten, es sei Christopher Marlowe gewesen, Shakespeares Zeitgenosse, der nicht, wie die Literaturgeschichte behauptet, am 30. Mai 1593 einer Wirtshausschlägerei zum Opfer gefallen sei, sondern dem guten Shakespeare sozusagen dessen Namen abgekauft und seinen eigenen Tod vorgetäuscht habe und so einer Verurteilung wegen Hochverrats entkommen sei; der Shakespeare-Übersetzer Frank Günther wiederum hält es für immerhin vorstellbar, dass Königin Elizabeth die Verfasserin von Shakespeares Werken sei, genauer: "Shakespeare" sei ein junger Schauspieler gewesen, der die Königin öffentlich verkörpert habe, die selbst von der eigenen Schwester ermordet worden sei ...

Die Zweifel an Shakespeares Autorenschaft sind nicht ganz unbegründet. Tatsächlich war Shakespeares Vater "bloß" ein Handschuhmacher, der sich zum high bailiff (Bürgermeister) Stratfords emporarbeitete. Aber offenbar war ein unerbittlicher Bildungszwang, gepaart mit Genialität, genug, um das größte Dramenwerk der Weltgeschichte herzustellen. Und Stratford war zwar Provinz, aber es lag an einer strategisch wichtigen Brücke und bot leidlichen Wohlstand, sodass immer wieder Wandertheatertruppen aufkreuzten und, unter Fanfarenstößen und Trommelwirbel, beim Bürgermeister ihre Empfehlungsschreiben vorwiesen. Kurzum, Shakespeare hat durchaus Theater gesehen und Literatur gelesen. Ein Wunder bleibt es aber doch, dass diese Funken im Inneren des Mannes ein solches Feuer entfachen konnten.