Als Marion M. erzählt, warum sie nicht mehr leben will, lässt sie an ihrer Entschiedenheit keinen Zweifel. Wach und fest ist ihr Blick, aufrecht sitzt sie auf dem Sofa und blickt entschlossen in die Kamera. "Es gab einen Punkt, bis zu dem habe ich gekämpft wie eine Löwin, unter allen Schmerzen, unter allen Einschränkungen und in verzweifelten Momenten", sagt die 56-Jährige, die jetzt so zerbrechlich wirkt. Inzwischen sei sie nicht lebensmüde, aber leidensmüde. Sie, die Frau, die immer alles allein konnte, habe Angst davor, anderen ausgeliefert zu sein.

Mit dem Urlaub auf einer indonesischen Insel hatte alles begonnen. 2012 war Marion M. dort an einer heimtückischen Amöbenruhr erkrankt. Anfangs hatte sie Bauchkrämpfe und Durchfall, dann nahm sie dramatisch ab, fühlte sich bald völlig erschöpft. Die Ärzte waren ratlos, auch in Deutschland. Trotz Antibiotika kam sie nicht mehr auf die Beine, konnte keine Nahrung mehr verwerten und verlor immer weiter an Gewicht. Marion M. verfiel zusehends. Das Gefühl, den Schmerzen und dem Siechtum hilflos ausgeliefert zu sein, wurde unerträglich. Schließlich beschloss sie, dem Leiden ein Ende zu setzen. Freiwillig ging sie in den Tod, indem sie aufhörte, zu essen und zu trinken.

Nachdem sie drei Wochen auf jede Nahrung verzichtet hatte, starb Marion M. im August 2013. Nun wird ihr Schicksal in dem Film Sterbefasten erzählt. Die kürzlich auf DVD erschienene Dokumentation des Medienprojekts Wuppertal löst unter Ärzten und Ethikern eine Kontroverse aus: Wie ist diese Art des Freitods zu beurteilen? Muss man als Arzt dagegen einschreiten? Darf man jemanden dabei gar begleiten? Bei Marion M. war das der Fall gewesen: Ihre Tochter und ein Arzt hatten ihren Wunsch akzeptiert und sie beim Sterbefasten betreut.

Der "freiwillige Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit" ist in Hospizen, Pflegeheimen oder Kliniken gar nicht so selten. Wenn Menschen spüren, dass es dem Ende zugeht, stellen sie oft automatisch das Essen und Trinken ein und lassen sich in ihren letzten Tagen nur noch palliativmedizinisch versorgen. Mitunter aber entscheiden sich dafür nicht nur Todkranke, sondern auch Menschen, die noch lange leben könnten. Konkrete Zahlen zu dieser Praxis fehlen. Meist wird darüber der Mantel des Schweigens gedeckt und offiziell ein natürlicher Tod bescheinigt. Der Film über Marion M. macht diese Form des Sterbefastens nun bewusst öffentlich. Die Dokumentation, die in Kooperation mit dem Humanistischen Verband Deutschland entstand, wirbt offensiv für die "Freiheit zum Tod" (so der Untertitel) und heizt damit eine heikle Debatte an (siehe auch folgende Seite).

In der Frage der Sterbehilfe ist Deutschland gespalten. Ein gesetzliches Verbot scheiterte Anfang 2013 an Differenzen zwischen Union und FDP. Kürzlich forderte Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) erneut, jede Form von organisierter Sterbehilfe zu verbieten. Die große Mehrheit der Bundesbürger aber spricht sich in Umfragen für eine Liberalisierung des assistierten Suizids aus. Auch Einzelne setzen immer wieder Zeichen: Der Schriftsteller Wolfgang Herrndorf nahm sich wegen eines unheilbaren Hirntumors das Leben, der Regisseur Helmut Dietl erklärte nach der Diagnose Lungenkrebs, er lehne eine Chemotherapie ab (ZEIT Nr. 49/13). Die einen feiern das als Selbstbestimmung, für andere ist es ein Frevel am Leben, das es möglichst lange zu bewahren gelte.

Mit der Möglichkeit des Sterbefastens erhält die Diskussion eine ganz besondere Brisanz. Denn es wirft die Frage auf: Muss man diese Lebensmüden vor sich selbst schützen? Oder ist es mit dem ärztlichen Ethos vereinbar, sie beim langsamen Sterben auch noch zu begleiten?

Der Marburger Neurobiologe Christian Walther sieht darin kein Problem. Für ihn ist das Sterbefasten eine "natürliche" Alternative zum gewöhnlichen Suizid. Zusammen mit dem niederländischen Psychiater Boudewijn Chabot hat er mehr als hundert Berichte über Menschen gesammelt, die in den Niederlanden durch den Verzicht auf Nahrung und Flüssigkeit gestorben sind. In ihrem Buch Ausweg am Lebensende preisen Walther und Chabot diesen Tod als "natürlich", da keine "lebensverkürzenden, medizinisch-technischen Maßnahmen ergriffen werden". Das erlaube einen allmählichen Abschied vom Leben, der weit weniger abrupt sei als etwa der Suizid durch Medikamente.

Das heißt aber auch: Der Vorgang des Sterbefastens dauert lange. Und selbst "natürliches" Verdursten kann grausam sein. Dabei können Ärzte, Angehörige oder Pfleger das Leiden verringern. Das Durstgefühl entsteht vor allem im Mund, wenn dort die Schleimhaut austrocknet. Wird sie mit Gel oder Eiswürfeln feucht gehalten, lässt der Durst meist nach. Auf diese Weise nimmt der Patient aber auch ein wenig Flüssigkeit auf, was das Sterben verlängert – in der Regel auf 10 bis 14 Tage. In den letzten Tagen kann der Arzt den Patienten bei Bedarf mit Schmerz- und Beruhigungsmitteln versorgen, um Leiden und Angst zu lindern. Doch selbst Walther und Chabot räumen ein: Dieser Weg "ist nicht ganz frei von Leiden".