Frankreichs Staatspräsident François Hollande hat eine Gesetzesinitiative zur Legalisierung der aktiven Sterbehilfe angekündigt. In den Niederlanden bleibt aktive Sterbehilfe seit vielen Jahren straffrei. Belgien hat kürzlich die Sterbehilfe für Minderjährige gesetzlich zugelassen. In Deutschland spricht sich eine wachsende Zahl von Bürgern für eine Liberalisierung der Regelungen aus. Die Standesvertreter der Ärzte und führende Politiker wünschen sich hingegen eine weitere Verschärfung: Der Deutsche Ärztetag wollte den ärztlich assistierten Suizid verbieten lassen. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe spricht sich für ein gesetzliches Verbot jeder Form organisierter Suizidhilfe aus und hat eine entsprechende parlamentarische Initiative auf den Weg gebracht. Der Tübinger Medizinethiker Urban Wiesing plädiert für eine reglementierte Freigabe der organisierten Beihilfe zum Suizid, am besten angesiedelt bei den Ärztekammern:

Die Bürger haben ihre eigenen Vorstellungen vom Leben und Sterben

Erste Sterbehilfeorganisationen haben ihre Tätigkeit in Deutschland aufgenommen. Vermehrt reisen Deutsche in die Schweiz, um dort Beihilfe zum Suizid in Anspruch zu nehmen. In der Bevölkerung wie auch unter Ärzten ist die Zustimmung gewachsen: Die Bürger befürworten weit mehrheitlich die Beihilfe zum Suizid (wie auch die Tötung auf Verlangen). Eine von der Bundesärztekammer in Auftrag gegebene Untersuchung zeigte, dass 37 Prozent der Ärzte unter bestimmten Bedingungen bereit sind, beim Suizid zu helfen. Diese Zahlen folgen einem langjährigen Trend in den Industrienationen: Die Auffassungen der Bürger von gelingendem Leben und von gelingendem Sterben gelten als eine höchst persönliche Angelegenheit – die Menschen wollen auch am Lebensende ihre eigenen Vorstellungen umsetzen.

Zur Würde beim Sterben gibt es gegensätzliche Auffassungen – sie sind beide gut begründet

Die Würde des Menschen ist philosophisch gut begründet und in der Verfassung verankert. Wer wollte einem "Sterben in Würde" widersprechen? Was das aber sein könnte, wird sehr unterschiedlich beantwortet. Die einen werten Selbstbestimmung höher als den Erhalt ihrer biologischen Existenz. Für andere ist Leben die Bedingung für Würde, Freiheit und Verantwortung des Einzelnen, weshalb man es nicht zerstören dürfe. Beide Positionen sind gut begründet – und unvereinbar. Es wird Zeit, unterschiedliche Sichtweisen auf würdevolles Sterben zu akzeptieren.

Gute Palliativmedizin kann das Problem reduzieren, aber nicht aus der Welt schaffen

Der Staat darf die Lebens- und Sterbeentwürfe seiner Bürger an sich nicht bewerten. Er ist zur Neutralität verpflichtet (nicht umsonst ist Suizid nicht verboten). Die Gesetze müssen für Verhältnisse sorgen, die es den Bürgern erlauben, ihre jeweiligen Lebensentwürfe zu gestalten, ohne andere dabei zu schädigen. Für den Staat geht es nicht mehr um die richtige Art, zu leben oder zu sterben, sondern nur um Vorkehrungen dagegen, dass jemand von anderen bedrängt, manipuliert oder geschädigt wird. Deshalb hat der Staat unter anderem die Aufgabe, die Palliativmedizin so auszubauen, dass der Wunsch nach Beihilfe zum Suizid nicht aufgrund mangelnder medizinischer Versorgung aufkommt. Gleichwohl besteht kein Zweifel, dass Menschen ihren Zustand auch bei bester Palliativmedizin als unerträglich einstufen und wohlüberlegt um Beihilfe zum Suizid ersuchen. Gute Palliativmedizin kann – und soll – das Problem reduzieren; sie kann es aber nicht aus der Welt schaffen.