In Berlin habe er das Abenteuer des Alltags zeigen wollen, sagt Volker Heise. "In Jerusalem geht das nicht." Nach dem enormen Aufsehen, das der Regisseur 2009 mit seinem größenwahnsinnigen Projekt 24 Stunden Berlin erregt hatte, stand ihm die ganze Welt zur Auswahl. Aus Paris, London, Moskau, Rio de Janeiro und São Paulo waren Anfragen gekommen. All diese Städte wollten das Experiment wiederholen, die Lebenswelt ihrer Bürger rund um die Uhr mit der Kamera zu begleiten – im Falle von Berlin: Kinder, Paare, Rentner, ein obdachloser Junkie, Bürgermeister Wowereit, aber auch Müllmänner, Callcentermitarbeiter und ein Krematoriumsleiter.

Doch nur Jerusalem schien für Filmemacher Heise ein Ort zu sein, an dem das Ergebnis nicht wie eine absehbare Wiederholung von Berlin gewirkt hätte. Während in Berlin die Mauer nicht mehr steht, gibt es sie in Jerusalem noch. Die Stadt atmet nicht nur Zeitgeschichte, sondern Weltgeschichte. "Hier ist die Quelle von uns allen", spricht ein christlicher Mönch in die Kamera. "Wir befinden uns am empfindlichsten Ort der Welt", ergänzt eine junge Israelin.

Keine globalisierte Metropole, sondern eine Stadt, in der ein dauerhafter Ausnahmezustand herrscht, habe ihn gereizt, sagt Thomas Kufus, der das Berliner und auch das Jerusalemer Projekt als Produzent betreut hat. Gleich zu Anfang wäre der Film genau daran fast gescheitert, eineinhalb Jahre lang hat ein Kampf um die einheimischen Mitarbeiter und die Auswahl der Protagonisten getobt. Im Netz war ein Shitstorm gegen die palästinensischen Produzenten entstanden, man warf ihnen vor, die normalisation, also eine Akzeptanz der gegenwärtigen politischen Situation, abzubilden und damit zu unterstützen. Auch die Auswahl der Protagonisten, die sich was Herkunft, Geschlecht, Alter und sozialen Status an den demografischen Statistiken orientieren sollte, wurde abgelehnt. Am Ende sprangen alle palästinensischen Partner ab, die Logistik des Filmes musste komplett umgebaut werden.

24h Jerusalem - "In Jerusalem reibt sich alles permanent aneinander" Am 12. April zeigt Arte zusammen mit dem Bayerischen Rundfunk "24h Jerusalem", einen Tag im Leben dieser faszinierenden Stadt. Regisseur Volker Heise über die Schwierigkeiten bei dieser Mammutproduktion.

Europäische Regisseure ersetzten die Leitung der internationalen und einheimischen Kamerateams, die Aufteilung der europäischen, israelischen und palästinensischen Protagonisten ist nun paritätisch zu drei gleich großen Teilen erfolgt, nicht nach der realen prozentualen Aufteilung der Stadtbevölkerung. Die finanziellen Rückschläge wurden dadurch ausgeglichen, dass die Mitarbeiter lange Zeit ohne Bezahlung freiwillig weiter filmten und schnitten.

Wie 24 Stunden Berlin ist auch 24 Stunden Jerusalem ein bombastisches Filmprojekt geworden, gerade durch die Bescheidenheit des rein dokumentarischen Ausleuchtens von Jerusalems disparater Lebenswelt. Eine orthodoxe Siedlerfamilie, deren Haus vom Militär bewacht wird, eine israelische Friedensaktivistin, die Morddrohungen erhält, eine palästinensische Grundschule, ein russischer Pilger, der in der Stadt hängen geblieben ist, um jeden Tag so lange die Steine der Grabeskirche küssen zu können, bis ihn ein genervter Kopte vertreibt. Holocaust-Überlebende, Lehrer, Bäcker, Köche, atheistische Rapper, alleinerziehende Mütter – sie alle werden in ihrem Alltag begleitet. Das filmische Konzept ist dabei noch aufwendiger als beim Berliner Vorgänger: 70 Filmteams waren vor Ort, um 90 Protagonisten in über 500 Drehstunden zu begleiten, vier Jahre hat das Projekt insgesamt gedauert, elf Monate lang wurde ununterbrochen geschnitten, mit Übersetzern für alle Sprachen Jerusalems, von Armenisch bis Aramäisch. Zusätzlich zur Ausstrahlung im Fernsehen (12. April, 6 Uhr morgens bis 6 Uhr nachts auf Arte und dem BR) sind aktuell noch einmal Filmteams in Jerusalem, die online aus der Stadt berichten. Im Netz kann ihnen jeder Zuschauer folgen und eigene Videos dazu laden, einzelne Protagonisten können weiterverfolgt werden, auch wenn der Film auf dem Fernsehbildschirm schon zum nächsten gesprungen ist. Am Ende habe sich der Aufwand für das Riesenprojekt wie damals in Berlin gelohnt, sagt Volker Heise. Noch einmal würde er so etwas aber nicht machen. Zum Glück hat er es getan.