Unterstützt eine Mehrheit in der Ostukraine eine Abspaltung?

Nein. Mehr als 90 Prozent der Ukrainer haben im Dezember 1991 für die Unabhängigkeit des Landes gestimmt, auch im Osten war eine große Mehrheit dafür. Selbst in der jetzigen Situation hätten die Separatisten, die vor einigen Tagen eine "souveräne Republik Donezk" ausgerufen hatten und zunächst für den 11. Mai ein Referendum planten, keine Chance. Höchstens ein Drittel der Ostukrainer befürworten eine Abspaltung. Der konservative amerikanische Thinktank International Republic Institute (IRI) hat jüngst sogar eine weit niedrigere Zustimmung ausgemacht. So war zwar knapp ein Drittel der Befragten im Osten des Landes für einen föderalen Staat, aber nur vier Prozent bejahten die Frage "Sind Sie der Meinung, dass die Ukraine in mehrere Länder aufgeteilt werden sollte?".

Auch Rinat Achmetow, der wohl reichste und mächtigste Oligarch der Ukraine, hat kein Interesse an einer Spaltung. Zwar zeigte er Verständnis für einige der Forderungen der Demonstranten, doch dass Donezk zur Ukraine gehöre, stehe überhaupt nicht zur Diskussion. Die Konkurrenz mit russischen Oligarchen würde ihm das Geschäft verderben, und ein Machthaber wie Putin könnte ihm gefährlich werden.

Häufig wird der Osten der Ukraine auch in westlichen Medien als russisch dominiert dargestellt. Aber das stimmt nicht. In fast allen Gegenden leben mehr Ukrainer als Russen, so das Ergebnis des letzten Zensus von 2001. Wichtiger aber ist: Wer russischsprachig ist, ist keineswegs immer auch prorussisch. Die Mehrheit im Osten spricht Russisch, fühlt sich aber – auch das hat der Zensus belegt – dennoch als Ukrainer. Aus der Sprache lässt sich nicht automatisch die Einstellung zum gegenwärtigen Konflikt ableiten. Zweisprachigkeit ist in der Ukraine weit verbreitet, und selbst Kiew, wo der Kampf auf dem Maidan begann, ist überwiegend russischsprachig. Wen also hat Wladimir Putin im Sinn, wenn er erklärt, die russischsprachigen Bewohner der Ukraine schützen zu wollen?

Welche Rolle spielt Russland bei den jüngsten Protesten?

Unter den Aktivisten, die vor vier Tagen die Rathäuser im Osten der Ukraine besetzten, waren viele russische Staatsbürger. In Charkiw verliefen sich Demonstranten auf der Suche nach dem Rathaus und stürmten stattdessen die Oper. Unter die Besetzer hatten sich Kämpfer des russischen Nationalbolschewisten Eduard Limonow gemischt. Ukrainische Quellen sprechen auch von russischen Geheimdienstagenten in Donezk. Aber die Aktivisten müssen nicht zwingend alle vom Kreml ferngesteuert sein. Die Donezker Separatisten sahen nicht gerade wie geschulte Agenten aus, sondern eher wie ressentimentgeladene Verlierer des harten russischen Alltags. Von diesen gibt es viele in den russischen Grenzstädten zur Ukraine, zum Beispiel in Rostow am Don, Heimat vieler Nationalisten. Sie fühlen sich ebenso von muslimischen "Terroristen" am Kaukasus wie auch von vermeintlichen "Faschisten" in Kiew und der Nato bedroht – je nachdem, was das russische Fernsehen zur aktuellen Gefahr erklärt.

Die Separatisten könnten für die russische Regierung eventuell nützlich sein, wenn sich daraus ein größerer Aufstand gegen Kiew entwickelt. Am Dienstagmorgen vertrieben ukrainische Spezialeinheiten die meisten Besetzer. Doch einige prorussische Aktivisten harrten bei Redaktionsschluss noch aus.

Insgesamt passen sie in die russische Strategie, die Ukraine in einem Zustand permanenter Hysterie zu halten. Der Anschluss weiterer ukrainischer Gebiete ist für Moskau eine Option, aber nicht die einzige. Der Kreml will jedenfalls nicht einfach Regionen im Osten gewinnen und dabei den Rest des Landes an Europa verlieren. Vor allem geht es Moskau darum, die für Ende Mai geplanten Präsidentschaftswahlen zu stören und jedwede ukrainische Autorität für illegitim zu erklären, damit Russland seinen Einfluss auf das ganze Land behält. Die radikale Gaspreiserhöhung durch Gazprom, die Rathaus-Besetzungen im Osten, die Rede von den Faschisten in Kiew – alle russischen Störversuche dienen am Ende nur einem Ziel: Sie sollen eine prowestlich ausgerichtete, demokratisch-pluralistische, wirtschaftlich erfolgreiche Ukraine verhindern. Denn die würde zur Bedrohung seiner Macht im eigenen Land.

Wäre eine Föderalisierung des Landes eine sinnvolle Lösung?

Es könnte sinnvoll sein, den sehr unterschiedlichen Regionen der Ukraine mehr Selbstverantwortung zu übertragen. Der Westen und der Osten des Landes, aber auch die zentralen Gebiete der Ukraine unterscheiden sich in ihren historischen Erfahrungen, ihrer Wirtschaftsstruktur und in ihren politischen Prägungen. So war laut der IRI-Umfrage für die Mehrheit im Westen der Ukraine der Kampf auf dem Maidan eine Revolution und Annäherung an Europa, für viele im Osten hingegen schlicht ein Staatsstreich, der Chaos und Unsicherheit nach sich zieht. Aus der verbreiteten Unzufriedenheit folgt aber nicht automatisch der Wunsch nach einem Anschluss an Russland.