An einem Dienstagabend Anfang Oktober sitzt die Strafverteidigerin Anja Sturm im Eine-Welt-Haus in München auf einem Podium und verteidigt sich selbst. Im Publikum sind etwa hundert Rechtsanwälte, vielleicht noch mehr. Viele dieser Anwälte sitzen wie Sturm – die der Angeklagten Beate Zschäpe beisteht – Tag für Tag im NSU-Prozess. Als Vertreter von Opfern, die vor Gericht als Nebenkläger dabei sind. Es sind aber auch normale Zuschauer gekommen. Der Raum ist stickig, die Atmosphäre aufgeladen.

Die Initiative bayerischer Strafverteidiger hat Sturm zu dieser Diskussion eingeladen. Das Thema lautet: "Das Selbstverständnis des Strafverteidigers und des Nebenklagevertreters am Beispiel des aktuellen NSU-Verfahrens". Doch die meisten im Saal wollen eigentlich nur wissen, wie zum Teufel man eine mutmaßliche Täterin vom Schlage Beate Zschäpes überhaupt verteidigen kann. Eine Frau, die laut Anklage Mittäterin bei Morden an neun Migranten und einer deutschen Polizistin sein soll. Eine Angeklagte, die die meisten innerhalb und außerhalb des Gerichts für ein Monster halten.

Noch vor drei Stunden saß Anja Sturm neben ihrer Mandantin im Saal A 101 des Oberlandesgerichts München. Es war der 41. Verhandlungstag. Ein harter Tag. Der bislang härteste vielleicht. Der Vater des vom NSU ermordeten, nur 21 Jahre alt gewordenen Halit Yozgat hat gerade ausgesagt. Er hat seinen Schmerz in den Gerichtssaal hineingerufen und gefragt: "Was war seine Schuld?" Er hat sich auf den Boden geworfen, direkt vor den Vorsitzenden Richter, um zu demonstrieren, wie er seinen toten Sohn vor acht Jahren auf dem Fußboden seines Internetcafés in Kassel auffand.

Anja Sturm betrachtete Ismail Yozgat ruhig und verzog keine Miene.

Jetzt sitzt Sturm hier, zwischen der Nebenklagevertreterin Edith Lunnebach und dem Verteidiger des Mitangeklagten Carsten S., Johannes Pausch. Jetzt ist sie die Angeklagte.

Anja Sturm, ganz in Schwarz, wird in den kommenden zwei Stunden Sätze sagen wie: "Mir geht es um die Freiheitsrechte." Oder: "Gerade bei diesem Verfahren muss sich unser Rechtsstaat auf die sauberste Art bewähren." Und: "Vertrauen zwischen Verteidiger und Mandant ist eine unabdingbare Voraussetzung und keine Kumpanei." Sie stockt beim Sprechen, sagt sehr oft "sozusagen", wie es Menschen tun, die nichts Falsches sagen wollen und jedes Wort gegen Angriffe absichern.

Die Nebenklägervertreterin dagegen macht ihren Standpunkt sehr deutlich. Da ist kein Stocken in der Stimme. Sie selbst habe PKK- und RAF-Leute verteidigt, sagt Edith Lunnebach, weil sie, wenn schon nicht deren Taten, so zumindest die politische Einstellung verstehen könne. An Sturm richtet sie die Frage: "Was meinen Sie denn mit Freiheitsrechten?" Ein anderer Nebenklägervertreter meldet sich aus dem Publikum und sagt, man mache sich als Verteidiger mitschuldig, wenn man wie Sturm und ihre beiden Mitverteidiger einen Antrag auf Einstellung des Verfahrens stelle und eine Beate Zschäpe dadurch freikäme. Als Beobachter fragt man sich: Was wollen diese Leute? Die Abschaffung der Verteidigung?

Anja Sturm wird von Minute zu Minute leiser, auch wenn sie ein paar Unterstützer im Publikum hat. Spätestens an diesem Abend muss ihr klar geworden sein, dass sie für ihre Entscheidung, in einem der größten Verfahren der deutschen Nachkriegsgeschichte den wahrscheinlich schwierigsten Job angenommen zu haben, keine Anerkennung erwarten kann. Von niemandem. Auch nicht von Kollegen. Schon gar nicht von denen.

Das NSU-Desaster und der Prozess, der nun bald seit einem Jahr läuft, hat vieles zutage gefördert. Er hat gezeigt, dass deutsche Sicherheitsbehörden fahrlässig, einseitig, ja schlampig ermitteln. Dass sie die Opferfamilien zu Unrecht beschuldigt und schikaniert haben. Dass Deutschland das Problem mit Rechtsextremisten zu lange verdrängt hat. Dass sich das Land mit Rassismus beschäftigen muss.