Im Sortiment sind Geschnetzeltes, Rouladen, Hackfleisch und Bratwurst, "die Überraschung auf jeder Grillparty", verspricht der Firmenprospekt. Das ist nicht nur ein Werbespruch, es ist die Wahrheit: Das Fleisch aller Produkte stammt von einem Fisch. Und der ist nie in einem Meer, Fluss oder See geschwommen. Er wurde gezüchtet und geschlachtet in einer geschlossenen Halle zwischen Schweinestall und Biogasanlage auf dem Hof der Brüder Pommerehne in Altkalen, einer dünn besiedelten Hügellandschaft in Mecklenburg-Vorpommern. "Der Fisch vom Lande" steht auf dem Logo der Vermarktungsfirma. Sie heißt Welsmeister.

Das Sprachspiel hat seine Berechtigung. Denn hier wird afrikanischer Wels gezüchtet, und der ist tatsächlich ein Weltmeister im Anpassen. Beim Futter ist er nicht wählerisch. In den afrikanischen Flüssen und Sümpfen, aus denen er stammt, ernährt er sich von kleinen Fischen, Wasservögeln und Aas oder wartet auf Küken, die aus dem Nest fallen. Dafür robbt er sogar ans Ufer. Mit Fortsätzen seiner Kiemen kann er Luft atmen und so mehrere Stunden außerhalb des Wassers überleben. In Fluss und See verteidigt der Wels sein Revier, doch in der Trockenzeit schaltet er auf Schwarmmodus um und verliert seine Aggressivität. Dann sammeln sich Hunderte Tiere dicht an dicht in den letzten schlammigen Wasserlöchern. All das macht den afrikanischen Wels zum idealen Kandidaten für die Aquakultur.

So heißt die industrielle Massentierhaltung von Fischen, Shrimps, Muscheln und anderen Wasserbewohnern. Für die Eiweißversorgung der Weltbevölkerung spielt sie eine immer wichtigere Rolle. Im Durchschnitt isst jeder Mensch 19 Kilo Fisch im Jahr. Doch nur gut die Hälfte allen Fisches wird im Meer gefangen: knapp 80 Millionen Tonnen. Die Zahl ist kaum noch steigerbar. 65 Millionen Tonnen kommen bereits aus Zuchtanlagen, und die Menge nimmt um fünf bis acht Prozent jährlich zu. Aquakultur ist der am schnellsten wachsende Zweig der globalen Ernährungswirtschaft. Lachsfarmen und andere Betriebe an den Küsten spielen dabei nur eine untergeordnete Rolle, über 80 Prozent des Zuchtfischs kommt aus Süßwasseranlagen.

Doch die Teichwirtschaft stößt an ökologische Grenzen, ihre Folgen sind gravierend. Chemikalien und Antibiotika verseuchen Flüsse und belasten die erzeugten Produkte, der Shrimpzucht fallen große Mangrovenwälder zum Opfer, und Wildbestände sind durch das Übergreifen von Krankheiten gefährdet. Auch wir in Deutschland tragen dazu bei: Drei Viertel der hierzulande konsumierten Fische und Meeresfrüchte werden importiert.

"Damit verschieben wir unsere Probleme in andere Länder", sagt Roland Lemcke, Fischereireferent im schleswig-holsteinischen Landwirtschaftsministerium, "wir wollen gerne Fisch essen, ihn aber nicht in unseren sauberen Gewässern produzieren." Lemcke koordiniert die Erstellung des "nationalen Strategieplans Aquakultur", der im Sommer beschlossen werden soll. Der Entwurf fordert eine Verdoppelung der deutschen Produktion bis 2020. Da sich Flächen für neue Forellen- oder Karpfenteiche kaum noch finden lassen, soll der Zuwachs vor allem aus geschlossenen Kreislaufanlagen kommen.

Bisher führen sie ein Nischendasein. 60 Anlagen sind in Betrieb, zusammen erzeugen sie 2.000 Tonnen Fisch im Jahr – das sind 0,15 Prozent des deutschen Verbrauchs. In den nächsten fünf Jahren soll sich die Menge verzehnfachen. Das ist dann zwar noch immer wenig, doch es geht auch um die Wirkung nach außen. "Demonstrationsanlagen können das Potenzial einer nachhaltigen Aquakultur aufzeigen", sagt Fischereireferent Lemcke, "gute deutsche Ingenieurskunst" sei dafür gefragt. Im Strategieplan ist von "exportorientierter Technologieführerschaft" die Rede.

Industrielle Fischproduktion in höchster Effizienz – auf dem Hof in Altkalen ist das schon heute zu sehen: Lange Reihen hellblau getünchter Becken füllen zwei schwülwarme Fabrikhallen. Die Wassertemperatur beträgt rund ums Jahr tropische 28 Grad. Fast 100.000 afrikanische Welse wachsen hier in 150 Tagen zur Schlachtreife heran. Meistens liegen sie träge am nackten Betonboden. Nur wenn der unter der Decke an einer Rollbahn aufgehängte Futterroboter über einem der Becken haltmacht, tauchen die Fische auf, jagen nach den herabrieselnden Nährstoffbrocken und lassen das Wasser spritzen. Viermal täglich wird ihnen eine genaue Futtermenge zugeteilt. Jeden Tag ein bisschen mehr, vom Computer berechnet.