Ist der Neue Realismus eine revolutionäre Bewegung? Die wohl nur halb ironische Anspielung des Philosophen Maurizio Ferraris auf das Kommunistische Manifest ("Ein Gespenst geht um in Europa") soll das wohl suggerieren. Ob das im akademischen Sinne wirklich so ist, werden die Philosophen unter sich ausmachen. Aus einer nicht nur fachlich eng begrenzten Sicht scheint die Anrufung der Realität in diesem Zusammenhang gleichbedeutend mit dem Bestreben, dem Treibsand eines unernsten Relativismus zu entkommen und gültiges Wissen und eindeutige Erkenntnis wiederzugewinnen. Dieses Grundmotiv sichert den Neuen Realisten, wie man sieht, auch die Aufmerksamkeit anderer Disziplinen. An erster Stelle ist hier die Architektur zu nennen.

Ende 2012 gab es in Turin und Neapel Konferenzen und Ausstellungen zum Thema Der Neue Realismus und die Architektur der Stadt, organisiert von einer Gruppe von jüngeren italienischen Architekturhistorikern. Ein Jahr später fand eine Fortsetzung in Berlin statt, Maurizio Ferraris war dabei immer der philosophische Stichwortgeber. Tatsächlich hat der Begriff des Realismus vor allem in der italienischen und später in der schweizerischen Architekturdiskussion seit Ende des Zweiten Weltkriegs eine wichtige Bedeutung und ist daher keine aktuelle Erfindung. So ist es auch nicht überraschend, dass heute eine Koalition mit dem philosophischen Neuen Realismus gesucht wird. Man ist nun gespannt, was das Neue sein soll, das die neuen Philosophen dieser alten Diskussion hinzufügen könnten. Worum geht und ging es also?

Der Begriff des architektonischen Realismus in den sechziger und siebziger Jahren verbindet sich mit dem Namen Aldo Rossi, dessen 1966 auf Italienisch erschienenes Buch Die Architektur der Stadt so etwas wie die Bibel dieser Richtung darstellt. Titelgebend wird die von Rossi 1973 in Mailand organisierte Ausstellung Rationale Architektur. Die rationale Architektur ist aus italienischer Sicht gleichzeitig eine realistische Architektur. Sie gewinnt ihren objektiven Charakter aus ihren zeitlosen, "permanenten" Inhalten, anders gesagt: aus ihrem Wesen. Architektur ist unabhängig und autonom. Sie wird so, wie Rossi sagt, zur Wissenschaft, die zu eindeutigen Aussagen und Regeln gelangt. Architektur hat nichts mit Erfindung zu tun, subjektive Gestaltungskapriolen gehen am Wesen der Architektur vorbei.

Das klingt zunächst wie eine abstrakte Formenlehre. Woher kommt der Realismus? Aus dem Tiefengrund der Geschichte. Architektur ist Werk und Ausdruck des kollektiven Geistes. Das verleiht ihr Erdung und eine tief verwurzelte "Realität", die sich dem kollektiven Gedächtnis einprägt und eine historisch durchgängige Lesbarkeit des Gebauten sichert. Diese Realität des Kollektiven wird der Gegenwart nicht durch Kopie früherer Baustile verfügbar, sondern nur durch Abstraktion auf das Essentielle. Rossi spricht hier von Typus. So verbinden sich die auf den ersten Blick widersprüchlichen Ziele Autonomie und gesellschaftliche Relevanz der Architektur. Die schärfste Gegenposition zu Rossis Ansatz war von dem Architekturtheoretiker Manfredo Tafuri formuliert worden, Marxist wie Rossi. Tafuri vertrat die These, dass man in einer kapitalistischen Gesellschaft von der Architektur keine antikapitalistischen Beiträge erwarten dürfe, noch nicht einmal Beiträge zu einer ernst zu nehmenden Gesellschaftsreform. Architektur verharre zwangsläufig – wie ambitioniert auch immer – in einer sublimen Nutzlosigkeit.

Rossis Antwort besteht aus der Beschwörung eines kollektiven Sinngehaltes der Architektur. Von politischen Argumenten ist zumindest auf der expliziten Ebene keine Rede mehr, es bleibt bei einer Kritik des modernen Städtebaus, der einem "kommerziellen" Ungeist entspringt. Die rationalistische Architektur reduziert ihr Verständnis von Stadt und Stadtentwicklung auf die morphologische Ebene und verliert die politische und ökonomische Realität der Stadt aus den Augen.

Erwartungsgemäß macht sich Tafuri über solche Glasperlenspiele lustig. Dabei wäre seiner radikalen Negativität leicht zu entkommen: Man muss Architektur ja nicht zwangsläufig als ein kritisches Projekt verstehen. Aber genau das tun die Rationalisten – bis heute. Sie verstehen ihren Realismus ausdrücklich als einen kritischen Realismus. Sie wollen der Auflösung von traditionellen europäischen Stadtstrukturen eine neue/alte Ordnung und der Desintegration des Stadtkörpers eine lehrbuchhafte Synthesis der Form entgegensetzen. Diese Utopie der Form tritt an die Stelle einer Utopie der Politik. Tafuri hält das für Mystizismus. Der angeblich aus einer langen Geschichte destillierte Typus erzeugt selbst keine Geschichte, sondern bleibt sprachlos. Es entstehen Räume und Formen, aus denen die Zeit entschwunden ist. Peter Eisenman, amerikanischer Herausgeber der Schriften Rossis, spricht daher auch von einer Verwechselung von Geschichte und Erinnerung. Nur: wessen Erinnerung?