Wir kennen uns zwar nicht, aber vielleicht hatte ich mal Ihre Hose in der Hand. Ich lebe in Bangladesch und habe als Näherin gearbeitet. Bis vor etwa einem Jahr, als die Textilfabrik Rana Plaza über meinem Kopf zusammenbrach. Seitdem kann ich nicht mehr arbeiten und warte darauf, dass die Hersteller, die dort nähen ließen, endlich eine Entschädigung zahlen.

Vor acht Jahren ist mein Mann gestorben. Ich war gerade 18 und stand plötzlich alleine da mit meiner Tochter Neba Moni. In Bangladesch gibt es kein Sozialsystem, das mir in dieser Situation geholfen hätte. Also zogen wir vor einigen Jahren in die Hauptstadt Dhaka, wo ich eine Stelle als Näherin fand. Ich arbeitete 14 Stunden am Tag und hatte in den meisten Wochen nicht einen Tag frei. Meine Aufgabe war es, Hosentaschen und Gürtelschlaufen an Jeans zu nähen. Das Geld, das ich verdiente, reichte gerade so für Essen und Miete.

Vor drei Jahren wechselte ich die Fabrik. Mein neuer Arbeitsplatz war im fünften Stock des Fabrik-Hochhauses Rana Plaza. Eigentlich war das Gebäude gar nicht als Fabrik gebaut worden. Später wurden drei Stockwerke nachträglich illegal draufgesetzt. Der Textilstaub wirbelte durch die Luft, aber wir bekamen keinen Atemschutz. Wir schwitzten, weil es keine Ventilatoren gab. Wir hatten keine Arbeitshandschuhe, und es gab keine Notausgänge.

Am 23. April 2013 entdeckten meine Kolleginnen und ich Risse in den Betonwänden. Wir gingen sofort zu unseren Vorgesetzten, hatten Angst und wollten nicht weiterarbeiten. Aber die Chefs duldeten keine Diskussion. Sie drohten, uns den Lohn zu streichen, und schlugen uns mit Stöcken.

Den nächsten Morgen werde ich nie vergessen. Gegen halb neun fiel der Strom aus, wie es oft passiert in Bangladesch. In meiner Nähmaschine klemmte gerade ein Hosenbund. Damit wir auch bei Stromausfällen weiternähen konnten, gab es Generatoren. Als sie ansprangen, vibrierte das ganze Haus. Plötzlich gab es einen riesigen Krach. Ich spürte, wie ich den Boden unter meinen Füßen verlor. Ich fiel. Das Dach stürzte herunter. Menschen schrien. Ich schrie.

16 Stunden lang lag ich zwischen den Trümmern des Rana Plaza, so wurde es mir später erzählt. 16 Stunden, in denen ich mal wach, mal bewusstlos war. Um mich herum lagen leblose Körper, Frauen, mit denen ich zusammengearbeitet hatte. Ich konnte mich nicht bewegen. Eine Säule hatte sich in meinen Bauch gebohrt, ich spürte meine rechte Hand nicht mehr. Ich betete, weinte und dachte an meine Tochter. Ich hatte Angst, sie nie wiederzusehen.

Im Krankenhaus sagten mir die Ärzte, sie hätten meine Gebärmutter nicht mehr retten können: Neba Moni wird mein einziges Kind bleiben. Bis heute habe ich immer wieder Blutungen. Meine rechte Hand ist immer noch geschient, ich kann nicht greifen, habe Schmerzen. Als Näherin werde ich nicht mehr arbeiten können.

Wie mir geht es mehr als 1500 anderen Menschen, die den Einsturz des Rana Plaza verletzt überlebt haben. Wir und die Hinterbliebenen der Toten stehen vor dem Nichts, sind arbeitsunfähig und haben kein Geld. Wir sind darauf angewiesen, dass unsere Familien uns mit durchbringen. Bei mir sind es meine Schwestern. Die ältere hat mein Kind zu sich genommen, bei der jüngeren wohne ich, in einem vier Quadratmeter großen Zimmer.