Die Stadtautobahn von Rio de Janeiro, die vom Flughafen ins Zentrum und in die feinen Viertel der Südstadt führt, ist eine Strecke für Leute mit Glück. Bei Tag oder bei Nacht kann der Verkehr hier so gut laufen, dass man in 20 oder 30 Minuten sein Ziel erreicht und die Guanabarabucht draußen am Taxi nur so vorbeisaust. Der aberwitzige Fahrstil der brasilianischen motoristas, der ohnehin kein Abbremsen vorsieht, kann sich dann gut entfalten.

Häufiger kommt es aber vor, dass irgendwo entlang der Strecke gebaut wird, dass ein Lastwagen von einer Brücke herab auf die Fahrbahn stürzt oder dass gar – wie im Januar geschehen – eine ganze Fußgängerüberführung zusammenbricht. Dann ist man eher zwei, drei oder fünf Stunden unterwegs.

Bis zum Anpfiff der Fußballweltmeisterschaft sind es noch knapp zwei Monate – und die völlig überforderte nationale Infrastruktur des Gastgeberlandes ist ein Dauerthema geblieben. Die Welt hat den Bau der Stadien als Zitterpartie erlebt: Planungsfehler, gerissene Deadlines, tödliche Unfälle wegen mangelnder Sicherheitsvorkehrungen, Kostenexplosionen. Das mit den Stadien scheint trotzdem auf den letzten Drücker noch zu klappen, aber ringsherum sieht es trüber aus: Von den gut 50 aufwendig geplanten Verkehrs- und Transportprojekten in den WM-Städten wird wohl nur ein Teil bis zu den Spielen fertig sein.

In Rio ist eine brandneue Gondelbahn immer noch abgeschaltet, eine Straßenbahn in das historische Stadtviertel Santa Teresa muss weiterhin durch Busse ersetzt werden, ein spektakuläres Luxushotel im historischen Stadtteil Gloria kann frühestens zu den Olympischen Spielen 2016 eröffnet werden. In Belo Horizonte ist ein Großteil des Flughafens mit Bauzäunen verbrettert, und notfalls will man zur WM einen benachbarten Regionalflughafen mitbenutzen, der aber bei Regen immer voll Wasser läuft. In Cuiabá geht die neue Straßenbahn doch erst 2015 in Betrieb, in Fortaleza sind erst zehn Prozent der neuen Schnellbustrasse fertig. Nicht mal mehr der Sportminister tut noch so, als seien die Deadlines einzuhalten: "Was nicht rechtzeitig fertig wird, wird hinterher zu Ende gebaut", erklärte er vergangene Woche in einem Interview.

Die Pleiten-, Pech- und Pannenserie rings um die WM beschädigt den Ruf Brasiliens als aufstrebendes Boomland, und sie legt noch etwas Tieferes offen: das brasilianische Problem. Nicht erst seit der WM-Vorbereitung, schon seit Jahrzehnten scheitert Brasilien daran, verlässliche Grundlagen für seinen eigenen Aufstieg zu legen. Das Land investiert zu wenig in seine Zukunft.

Dieser Vorwurf war in Brasilien häufig zu hören, als im vergangenen Sommer Hunderttausende Menschen zu Anti-WM-Protesten auf die Straße gingen. Der Tenor lautete: Da leisten sich unsere Politiker große Prestigeprojekte zur WM, wo sie das Geld doch lieber in Schulen, Krankenhäuser, Busse und Straßen investieren sollten!

Das stimmte – allerdings nur halb. Die WM hat mit dem brasilianischen Mangel an Zukunftsinvestitionen quasi nichts zu tun. Nach Berechnungen der US-amerikanischen Ratingagentur Moody’s machen alle Stadien- und Stadtrenovierungen zur WM zusammen bloß 0,7 Prozent aller für 2010 bis 2014 geplanten Investitionen in der brasilianischen Gesamtwirtschaft aus. Sie sind sehr sichtbar, fallen aber, ökonomisch gesehen, kaum ins Gewicht.