Deutschlands Chefs sind eine Katastrophe. Das muss man wohl denken, wenn man in einer Buchhandlung die Regalmeter mit den Karriereratgebern überfliegt. Vom Feind in meinem Büro ist dort die Rede, Mein Chef ist ein Arschloch, heißt es, Ihrer auch? Das halbe Land scheint Tipps zu brauchen, wie man Vorgesetzten am besten begegnet, diesen "Affen" und "Idioten" – und das sind noch die harmloseren Schimpfwörter, die man auf den Buchcovern findet.

Das Marktforschungsunternehmen Gallup misst jährlich, wie zufrieden Deutschlands Angestellte sind (siehe ZEIT Nr. 15). Viele sind unzufrieden und nennen Führungsprobleme als Ursache für ihr mangelndes Engagement. Ein schlechter Chef, so die Erklärung, sorge für so viel Frust im Büro, dass sich die Mitarbeiter daran aufrieben, anstatt an ihre Arbeit zu denken.

Dabei ginge es auch anders, glaubt man den Erkenntnissen der Organisationspsychologie. Sie propagiert schon lange einen Führungsstil, mit dem Vorgesetzte ganz persönlich auf ihre Angestellten eingehen sollen, wodurch sie Missverständnissen vorbeugen und brachliegende Talente wecken können. Vom Fachkräftemangel aufgerüttelt, beginnen jetzt immer mehr Unternehmen, diesen Ideen zu folgen. Nachdem sie sich bereits um das physische Wohl ihrer Angestellten kümmern, mit Sportkursen in der Mittagspause und Vitaminen in den Kantinen, rückt nun die Psyche in den Blick. Der neue Stil bringt allen Vorteile, das verspricht zumindest die Forschung: Mitarbeiter und Chefs sind zufriedener, und sie arbeiten produktiver. Was wiederum für die Firmen bedeutet: Sie steigern im Idealfall den Umsatz.

Ein Trainer empfiehlt Augenhöhe

Thomas Bittner hat in Wirtschaftspsychologie promoviert, bevor er zum Managementtrainer wurde. Mit seiner Firma Organomics gibt er Kurse in "Transformationaler Führung". So heißt der Stil im Fachjargon, den die amerikanischen Psychologen Bernard Bass und Bruce Avolio bereits in den 1990er Jahren entwickelt haben. Lange glaubte man, dass Führungskräfte ein angeborenes Talent für ihre Aufgabe brauchten. Diese Idee vom Charisma als fast übermenschlicher Gabe entmystifizierten Bass und Avolio. Sie entwarfen einen Katalog von Handlungsweisen, die in der Summe dafür sorgen sollen, dass jemand besonders eindrucksvoll wirkt.

Im Gegensatz zur autoritären Führung, bei der es klare Regeln gibt, und dem sogenannten Laisser-faire, bei dem Vorgesetzte den Betrieb irgendwie laufen lassen, geht es bei dem neuen Stil darum, jeden Mitarbeiter einzeln zu beachten und ihm persönlich gerecht zu werden. Dadurch soll er motiviert werden und mehr Spaß an der Arbeit haben.

Die Führungskraft muss dafür laut Bittner ein besonderes Gespür entwickeln, wo die Fähigkeiten jedes einzelnen Mitarbeiters liegen. Sie teilt ihm genau die Aufgaben zu, die zu seinem Können passen. Dabei weist sie ihn auch auf den Sinn hin, der in seiner Arbeit steckt: Sie macht ihm klar, dass er nicht einfach eine stumpfe Aufgabe erledigt, sondern einen entscheidenden Beitrag zu einem großen Ganzen liefert.

Das Verhältnis zwischen Chef und Mitarbeiter prägen Augenhöhe und Respekt. Entscheidungen werden offen erklärt, wodurch die Mitarbeiter einbezogen werden sollen. Sie übernehmen auch mehr Verantwortung. Ihre Vorschläge werden ernst genommen, sie setzen sie eigenständig um.

Schließlich soll die Führungskraft auch Vorbild sein. Was sie von anderen verlangt, lebt sie ihnen selbst auch vor, ob es um moralische Ansprüche geht oder um den Arbeitseinsatz. "Wenn ich von meinen Mitarbeitern fordere, dass sie am Samstag etwas fertig machen", sagt Bittner, "komme ich als Leiter ebenfalls rein, selbst, wenn ich wenig beitragen kann."

Ein Forscher untersucht die Motivation

Dass Mitarbeiter solche Führung schätzen, legen zahlreiche Untersuchungen nahe. Gerade haben Psychologen der TU München in zwei Studien mit jeweils mehreren Hundert Probanden nachgewiesen, dass Mitarbeiter zufriedener und auch loyaler sind, wenn ihre Vorgesetzten ihnen Wertschätzung entgegenbringen, als wenn sie durch Härte und Autorität führen.

Und die Freundlichkeit zahlt sich auch aus: In einer Reihe von Befragungen wurde das Verhalten von Vorgesetzten im Vergleich zur Motivation der Angestellten erhoben. In einer Metaanalyse haben Timothy Judge und Ronald Piccolo von der University of Florida knapp 90 solcher Studien untersucht . Ihr Ergebnis: In dem neuen Stil Geführte sind nicht nur besonders zufrieden mit ihrem Job, sondern auch viel stärker motiviert als Angestellte, deren Chefs auf andere Weise leiten. Auch Zahlen sollen das belegen: So haben etwa Scott B. MacKenzie und sein Team von der Indiana University knapp 500 Vertreter einer großen Versicherungsfirma zu ihren Vorgesetzten befragt und sich ihre Verkaufsrate vorlegen lassen. Die in dem neuen Stil Geführten schnitten überdurchschnittlich gut ab (Journal of the Academy of Marketing Science).