Es dauert lange, bis der Richter, der seinen Namen lieber nicht erwähnt wissen möchte, zu erzählen beginnt.

Fast eine Stunde haben wir da schon gesprochen, fast alle Fragen sind gestellt. Er hat geantwortet, wie Juristen gerne antworten, abstrakt, ausweichend, unpersönlich. Nachmittagslicht fällt schräg in das weitläufige Büro, es ist ein Donnerstag vor ein paar Wochen. Still ist es in dem Gericht, dem Europäischen Gerichtshof (EuGH), irgendwo da draußen, vor den großen Fenstern, liegt Luxemburg.

Ist das Aufnahmegerät aus?, vergewissert sich der Richter. Dabei sind es keine Geheimnisse, die er jetzt ausplaudern wird. Das würde er nie tun.

Was er hier, an diesem Gericht, über Europa gelernt habe, das war die Frage. Und zum ersten Mal hält der Richter keinen Vortrag, sondern erinnert sich. An eine Begegnung mit einem seiner Kollegen, einem Richter aus Osteuropa. Jahrelang haben die beiden zusammengearbeitet, haben Urteile geschrieben, Rechtsfragen diskutiert. Und dann, eines Abends, habe der osteuropäische Kollege erzählt, wie das damals gewesen sei, als Jurist in der kommunistischen Diktatur. Von den Beklemmungen; von der Notwendigkeit, sich zu verbiegen; von den Selbstzweifeln.

Das habe ihn berührt und bewegt, sagt der Richter. Vor allem aber habe es etwas geschaffen, das für die Arbeit des Gerichts entscheidend sei: Vertrauen. Vertrauen zu einem Juristen mit einer völlig anderen Lebensgeschichte, einem anderen Rechtsverständnis, einem ganz anderen Erfahrungsraum.

Eigentlich unglaublich: 27 Richter, 24 Sprachen – und am Ende Einigkeit

Und plötzlich, nach vielen Gesprächen mit Richtern und Mitarbeitern in Luxemburg, wird für einen Augenblick das Einzigartige, das eigentlich ganz Unglaubliche dieses Europäischen Gerichtshofs anschaulich.

Da sitzen Richterinnen und Richter aus 27 Staaten Europas zusammen, lauter hoch qualifizierte Juristen, die insgesamt 24 verschiedene Sprachen sprechen, die 27 unterschiedliche Biografien haben, die aus extrem unterschiedlichen Rechtskulturen stammen: aus Belgien und Polen, Spanien und Dänemark, Bulgarien und Portugal. Gemeinsam schlichten sie Streit. Nicht mit Waffen, nicht mit Gewalt, sondern mit fein ziselierten Argumenten in französischer Sprache, der Arbeitssprache des Gerichts.

Wie wenig selbstverständlich das ist, wie schnell es anders kommen kann, wie rasch es roher, brutaler, mörderischer werden kann, das erleben wir gerade in der Ukraine.