In der Barrow Road in Cambridge ist es vor allem still. Die bequemen alten Landhäuser wirken ausgestorben. Hier lebt, zurückgezogen hinter rotem Backstein, Europas Geisteselite. George Steiner öffnet die Tür, begleitet von seinem alten Hund. Er trägt einen blauen Pullover, der rechte Arm hängt wie ein gebrochener Flügel schlaff am Körper, was die Zartheit seiner Erscheinung noch mehr unterstreicht. Der Hund verliert sich in den Tiefen des Hauses. Zwei Sessel vorm kalten Kamin stehen bereit.

DIE ZEIT: Darf man fragen, was mit dem Schreibarm passiert ist?

George Steiner: Ein Geburtsfehler. Dieses Handicap war eine Auszeichnung. Ich musste nie zum Militär. Aber es war auch eine Folter. Ich musste lernen, mir die Schuhe zu binden. Ich durfte nicht mit der linken Hand schreiben. Ich habe das alles unter ungeheurem inneren Druck gelernt. Meine Mutter war unerbittlich: Man musste jede Schwierigkeit bewältigen.

ZEIT: Jetzt können Sie alles mit der Hand machen?

Steiner: Schreiben kann ich. Aber vieles kann ich nicht machen.

ZEIT: Ihr Vater hat die Weichen in Ihrem Leben gestellt. Sie schrieben einmal, er habe sie gelehrt, dass große Kunst von solchen Menschen am tiefsten geliebt wird, die am intensivsten leben.

Steiner: Mein Vater war ein Genie, ein Prophet der Hellsicht. Er hat genau vorausgesehen, was kommen wird. Als die französischen Faschisten 1936 durch die Straßen zogen und "lieber Hitler als Blum" riefen, holte er mich ans Fenster und sagte ganz ruhig, "du musst nie, nie Angst haben, das nennt man die Geschichte". Er wusste, dass Angst das Gefährlichste ist und war der festen Überzeugung, dass alles interessant ist. Das ist schwer auszudrücken. Jetzt bin ich dem Ende ganz nah, und das wird auch interessant sein.

ZEIT: Ihr Vater wusste auch, dass Juden in Wien keine Zukunft mehr haben werden und ist 1924 zum ersten Mal emigriert. Das war sehr vorausschauend.

Steiner: Aber bitte, der Herr Hitler war ein Österreicher. Der tiefe Antisemitismus kommt von dort. Ich habe jetzt zwar seit Jahren die besten Beziehungen zur deutschen Kultur, aber ich weigere mich, in Österreich Vorlesungen zu halten. Dort ist der Neonazismus von einer Virulenz! Ich glaube, der Anschluss wäre dort noch immer sehr willkommen.

ZEIT: Warum sollte gerade Österreich besonders antisemitisch sein?

Steiner: Das ist ein schwarzes katholisches Trauma, ich habe keine einfache Erklärung.

ZEIT: Sie haben Ihr Leben lang nach Gründen für den Antisemitismus gesucht. Wofür wurden die Juden gehasst?

Steiner: Es gab drei große Fälle jüdischer Erpressung im Namen eines Ideals. Erst der mosaische Monotheismus, mit der furchtbaren Abstraktion: Man darf sich den jüdischen Gott nicht vorstellen, er ist wie die blanke Luft der Wüste. Dann kam der jüdische Christus in der Bergpredigt, die textuell aus den jüdischen Propheten hervorgeht: Du sollst deinen Feind lieben, was du nicht brauchst, sollst du weggeben. Das Dritte ist der messianische Sozialismus: Du sollst Vertrauen gegen Vertrauen tauschen, nicht das Geld gegen das Geld. Da sind wir in der Welt von Jesaja, Jeremias und Marx. Drei Mal sagt der Jude zu den Menschen: Du musst besser sein, als du bist. Dafür gibt es kein Verzeihen. Und wird es nie geben.