Olympische Spiele in Hamburg? Wahnsinn! Warum sollte eine im Weltmaßstab allenfalls mittelgroße Stadt, die eigentlich ganz zufrieden in sich ruht, das Risiko eingehen, die größte aller Sportveranstaltungen auszurichten?

Seien wir ehrlich: Es ist leicht, gegen Olympia in der Hansestadt zu sein.

Allein die Kosten: Schon der halbherzige Versuch, die deutsche Kandidatenstadt für die Spiele von 2012 zu werden, verschlang am Beginn des Jahrtausends fast zehn Millionen Euro und endete mit einer demütigenden Niederlage gegen Leipzig (das dann international völlig chancenlos war). Und die Erfahrung mit den olympischen Vergabeprozeduren lehrt, dass es mehr als einen Anlauf brauchen wird, um überhaupt eine Chance auf den Zuschlag zu haben. Istanbul zum Beispiel, wahrlich eine Metropole, die die Spiele längst verdient hätte, ging bereits fünfmal ins Rennen – und verlor jedes Mal. Und selbst wenn der hanseatische Atem lang genug sein sollte, beginnt die eigentliche Herausforderung erst danach. Allein das operative Budget für Organisation und Durchführung der Wettbewerbe betrug in London vor zwei Jahren drei Milliarden Euro; dazu kamen neun Milliarden für neue Sportanlagen, Unterkünfte, Straßen.

Und dann sind da noch die "weichen" Faktoren. Nicht erst seit den Putin-Spielen von Sotschi ist das Image der olympischen Bewegung ramponiert. Allzu bereitwillig wurde schon 2008 in Peking einer autoritären Staatsführung die Gelegenheit gegeben, im Scheinwerferlicht der Weltöffentlichkeit Schönfärberei zu betreiben. In Russland sechs Jahre später waren die Herren der Ringe weder willens noch fähig, Geldverschwendung, Korruption, Raubbau an der Natur und politische Verfolgung von Olympia-Kritikern zu verhindern. Gewinnmaximierung scheint das oberste olympische Ziel zu sein; stolz verweist das IOC auf seine Rücklagen von rund einer Milliarde Euro. Als Monopolist diktiert der steuerbefreite Schweizer Verein die Bedingungen, zu denen die Austragungsorte ein makelloses Produkt Olympia zu liefern haben.

Um so eine Veranstaltung soll sich Hamburg nun mit allen Kräften noch einmal bemühen?

Ja. Denn trotz aller Probleme ist Olympia immer noch der beste Hebel, um eine Stadt, ein ganzes Land voranzubringen, praktisch wie ideell. Die Spiele können als Katalysator und Beschleuniger für eine Entwicklung dienen, die sich ein Gemeinwesen ohnehin vorgenommen hat. Barcelonas Aufstieg zu einem der attraktivsten Reiseziele in Europa begann mit Olympia 1992 und dem Plan, die Stadt zum Meer hin neu zu orientieren. London nutzte die Spiele für die ohnehin fällige Sanierung einer riesigen Industriebrache und den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs. Hamburgs Bewerbung 2002 sah einen Olympiapark auf dem Kleinen Grasbrook südlich der Elbe vor und wollte mit dem Athletendorf die Entwicklung der HafenCity vorantreiben. Die ist zwar, wahrscheinlich deutlich langsamer, auch ohne den Schub der fünf Ringe auf gutem Wege. Aber die alte Idee der "City Olympics" hat immer noch Charme – wenn man sie als HafenCity 2.0 weiterdenkt und wenn der städtische Entwicklungs- und Erneuerungswille endgültig auf die südliche Elbseite überspringt. Auf einen Schlag müssten für Athleten, Offizielle, Besucher Tausende neue Wohnungen entstehen, die Hamburgs Bürger danach gebrauchen können. Der straffe olympische Zeitplan macht die Projekte kalkulierbarer und diszipliniert alle Beteiligten. Eine unendliche Geschichte wie die der Elbphilharmonie kann es nicht geben.

Dieser Artikel stammt aus dem Hamburg-Teil der aktuellen ZEIT. Sie finden die Hamburg-Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Zudem verfügt Hamburg bereits über eine Menge geeigneter Arenen, Rennstrecken, Reitplätze, Wasserläufe; selbst olympiataugliche Segelreviere liegen quasi vor der Haustür. Vielleicht war das Konzept der konzentrierten, innerstädtischen Spiele seiner Zeit (zu) weit voraus; nun könnte die Krise des IOC sogar eine Chance für Hamburg sein: Den Oberolympiern am Genfer See böte eine schlüssige Bewerbung jenseits des üblichen Gigantismus die Chance, menschliches Maß zurückzugewinnen. Der neue IOC-Präsident Thomas Bach hat im Gespräch mit der ZEIT bereits 2013 angekündigt, dass er den Vergabeprozess verändern will: keine Mega-Bewerbungen, sondern mehr Freiheit für individuelle, auch kleinere Lösungen. Damit muss es ihm ernst sein – sonst wird er bald außer ein paar reichen, geltungssüchtigen Potentaten keine Interessenten mehr für sein Produkt finden.