Es ist grotesk, wie in der Hamburger Schulpolitik seit Jahren leidenschaftlich die Kraft in Luxusdebatten verpulvert wird – während das wichtigste Thema nur am Rande notiert wird: die Entwicklung, nein, man muss inzwischen leider sagen, die Rettung der Stadtteilschulen.

Die Stadtteilschulen sind neben den Gymnasien die neue zweite Säule des Hamburger Schulsystems. Dort wird die entscheidende Schlacht um die Bildung in der Hansestadt geschlagen. Dort entscheidet sich, ob das abenteuerlich anmutende Projekt der Inklusion gelingen kann, also der gemeinsame Unterricht von Kindern mit und ohne Behinderung. Dort entscheidet sich, ob die zu hohe Zahl der Kinder ohne Schulabschluss gesenkt werden kann. Dort entscheidet sich, ob Handwerker und Kleinbetriebe Nachwuchs für Ausbildungsberufe finden können. Dort entscheidet sich, ob Jugendliche von der Gesellschaft abgekoppelt werden und die Demokratie und die Sicherheit in der Stadt gefährden, ob Hamburg sich weiter spaltet oder zusammenfindet.

Um es klar zu sagen: In den Stadtteilschulen wird Hamburgs Zukunft entschieden.

Die meisten Politiker und Lobbyisten der Stadt kümmert das allerdings wenig. Unter Schwarz-Grün (mit Unterstützung von SPD und Linken) betrieben die Bildungspolitiker mit ganzer Kraft das überflüssige Projekt der Primarschule, also der Verlängerung der Grundschulzeit von vier auf sechs Jahre. Sie brachten die ganze Stadt in Aufruhr, bis die Aktion mit gewaltigem Aufwand durch einen Volksentscheid gestoppt wurde. Heute wird deutlich, wie zerstörerisch diese schulpolitische Irrfahrt war. Sie hat die Atmosphäre nachhaltig vergiftet. Der allseitig vereinbarte Schulfrieden ist brüchig, weil seitdem das Misstrauen tief sitzt.

Kaum Fantasie, Energie und Geld steckten die Primarschulritter hingegen in die Entwicklung der Stadtteilschulen. Lieblos wurden Haupt-, Real- und Gesamtschulen zu der neuen Schulform zusammengelegt, die eigentlich als starke Säule neben dem Gymnasium gedacht war. Es ist einzig dem Engagement vieler Lehrerinnen und Lehrer zu verdanken, dass es auch hervorragende Stadtteilschulen gibt, für die sich sogar Eltern entscheiden, deren Kinder aufs Gymnasium gehen könnten.

Nun tobt seit Monaten wieder eine Debatte, die die Stadtteilschulen in den Schatten drängt. Der Streit darum, ob und in welchem Umfang Gymnasien wieder zum Abitur nach 13 Jahren ("G 9") zurückkehren dürfen. Für die betroffenen Kinder und Eltern ist die Länge der Schulzeit sicher nicht unwichtig; aber es ist doch ein nachrangiges Problem. Es gibt in Deutschland gute Gymnasien, an denen Schüler nach zwölf, und andere, an denen sie nach dreizehn Jahren das Abitur ablegen.

Schulpolitik sollte nicht besserwisserisch gegen die Bürger und die Eltern betrieben werden. Senat und Bürgerschaft müssen hier einen Kompromiss ansteuern – auch wenn dafür die Stadtteilschulen einen Preis zahlen müssen: Die Möglichkeit, das Abitur nach dreizehn Jahren abzulegen, ist bislang ein Trumpf der Stadtteilschulen. Wenn G 9 auch an Gymnasien möglich wird, dann werden die Stadtteilschulen vermutlich einige ihrer stärksten Schüler verlieren. Das ist bitter, aber ein notwendiger Schritt, um Ruhe in die Schuldebatte zu bekommen – und dann die ganze Kraft in die Hilfe für die Stadtteilschulen stecken zu können.