Der sechste Tag der Schöpfung hat nicht stattgefunden. Adam und Eva hat es nicht gegeben. Auch nicht in der Evolution. Dass der Mensch gleichsam mit einem darwinistischen Weitsprung die Bühne betreten habe – eine naive Vorstellung. Der Garten Eden? Nur ein biblisches Märchen. "Unsere Überzeugung, dass es eine Wiege der Menschheit in Süd- oder Ostafrika gab, ist ein Hirngespinst", sagt Jean-Jacques Hublin, Direktor am Leipziger Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie (EVA). Viele der rund 200 Fachleute im Publikum hacken hastig Notizen in ihre Tablets.

Die Erforschung der menschlichen Evolution erlebt offensichtlich einen Neustart. Die Experten hatten sich Mitte März im Badeort Sitges bei Barcelona versammelt, um nichts Geringeres als den fundamentalen Umbruch ihres gut 150-jährigen Forschungsfeldes zu diskutieren. Was vorher eine eher beschauliche Domäne von Fossilienjägern war, wird nun überschwemmt von Erbgutdaten aus dem fossilen Knochengewebe frühmenschlicher Wesen. Die Befunde der neuen Paläogenetik verschaffen den Gelehrten eine ganz neue Sicht auf die evolutionären Prozesse, die einst den Homo sapiens hervorbrachten und ihm als letzten Vertreter seiner Gattung zum großen Auftritt auf dem Globus verholfen haben.

Die Erkenntnisse der jungen Disziplin zeigen: Die vielen Hunderttausend Jahre der Menschenevolution verliefen anders, als man lange dachte. Und wen die Forscher genau meinen, wenn sie vom Homo sapiens reden, das ist ziemlich undeutlich geworden. Derzeit steht er jedenfalls nicht als Krone der Evolution da, sondern eher als Spross diverser Mesalliancen in der Vorzeit. Zugleich wird klar: Zumindest der erste Akt der Entstehung der heutigen Menschheit spielte tatsächlich in Afrika.

Bis vor wenigen Jahren zeichneten die Wissenschaftler noch einen recht gradlinigen Ast im Stammbaum nach, wenn sie den Weg des Menschen zur dominierenden Spezies skizzierten. Schon seine Vorgänger verließen Afrika und besiedelten Europa und Asien: zuerst Homo erectus vor mehr als zwei Millionen Jahren, später dessen Nachfahre Homo heidelbergensis, der sich in Europa zum Neandertaler weiterentwickelte. Als dann Homo sapiens in der afrikanischen Heimat auf der Bildfläche erschien, war das Schicksal dieser Urvölker besiegelt. Mit der dritten Auswanderungswelle, der des Menschen, verschwanden die archaischen Verwandten – verdrängt, ausgerottet oder durch Krankheiten dezimiert. Von ihnen blieben nur steinerne Werkzeuge und ihre fossilen Gebeine. Der moderne Mensch übernahm die Welt.

Doch seit es den Forschern gelingt, die erhaltene Erbsubstanz in Knochenfunden zum Sprechen zu bringen, bröckelt diese mühsam Knochen für Knochen aufgebaute Lehrmeinung: Die Vorgänger leben weiter, im heutigen Menschen, in unserem Erbgut.

Noch ist das neue Bild reichlich unscharf. Erst vor eineinhalb Jahrzehnten begannen die Molekulargenetiker auf ihre Weise mit der Erkundung der menschlichen Evolution. Im Juli 1997 erschien die Fachzeitschrift Cell mit einem Urmenschenschädel auf dem Cover. Zum ersten Mal war es dem Paläogenetiker Svante Pääbo gelungen, uralte Erbsubstanz aus einem fossilen Knochen zu entziffern: DNA aus dem kostbaren Originalfund des Neandertalers, der im Westfälischen Landesmuseum in Bonn unter Verschluss liegt.

Mit dieser Pioniertat begann Pääbos Aufstieg zum Doyen der Paläogenetik. Mit einer Serie bahnbrechender Untersuchungen haben er und sein Team den Werdegang des Homo sapiens vom Exodus aus Afrika bis zur Kolonisierung Asiens, Australiens und Europas neu beleuchtet. Mit ihrer ausgefeilten genetischen Analytik sind die Forscher dabei zu Einsichten gelangt, die man lange für undenkbar hielt. Bei der Formierung des heutigen Menschen haben neben den Neandertalern offenbar archaische Populationen mitgemischt, die erst seit Neuestem in den Blick der Forscher geraten. Urtümliche afrikanische Menschenformen gehören ebenso dazu wie die rätselhaften Denisova-Menschen in Asien – und die vollständig mysteriösen "Ghost hominins". Mittlerweile bezweifeln die Forscher, dass Homo sapiens überhaupt noch als eigenständige Spezies zu betrachten ist.

Den ersten tiefen Riss erlitt das schöne Selbstbild des modernen Menschen, als die Pääbo-Truppe 2010 das vollständige Erbgut der Neandertaler präsentierte. Es war ein Forschungsgroßprojekt voller Pannen, gleichwohl geriet es am Ende zum Scoop. Der Vergleich des Neandertalergenoms mit dem heutiger Asiaten und Europäer offenbarte klare Indizien für vielfachen artfremden Beischlaf während der Eroberung Eurasiens. Denn in jedem Europäer entstammen immerhin 1,5 bis 2,1 Prozent des Genoms aus der steinzeitlichen Vermischung mit dem Urvolk; Asiaten tragen sogar noch mehr davon in sich, bei ihren Vorfahren kam es während der Expansion nach Osten offenbar zu einer zweiten Phase der Kreuzung mit den Neandertalern.