DIE ZEIT: Vor ein paar Jahren galt Indien als kommender ökonomischer Superstar. Die Wachstumsraten lagen nahe bei zehn Prozent. Jetzt ist das Wachstum auf unter fünf Prozent gefallen. Der Optimismus ist verflogen. Was ist passiert?

Rajiv Kumar: Unsere politische Führung hat den Erfolg für selbstverständlich gehalten – das ist passiert. 2004 kam ich aus Manila, wo ich für die Asiatische Entwicklungsbank gearbeitet hatte, nach Indien zurück. Alle redeten damals darüber, dass das Land im Aufbruch sei. Aber die Regierung, unter Führung der Kongresspartei, dachte, dass die Wirtschaft auf Autopilot fliegen würde. Dass man sieben oder acht Prozent Wachstum haben könnte, ohne sich wirklich anzustrengen. Also hat sie sich ausschließlich um Umverteilung gekümmert, große Wohlfahrtsprojekte durchgesetzt und massive Subventionen eingeführt oder beibehalten. Im Haushalt vom Februar 2008 hat der Finanzminister das Staatsdefizit um 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ansteigen lassen. Und das war vor der Weltfinanzkrise. Dies war ökonomisch nicht geboten, es war rein wahlpolitisch motiviert.

ZEIT: Sind Indiens Probleme Teil einer Schwäche der emerging markets, der aufstrebenden Volkswirtschaften in der früheren "Dritten Welt"?

Kumar: Nein, das sind sie nicht. Ich weiß gar nicht, ob diese emerging economies wirklich so viel gemeinsam haben. Da gibt es Südafrika, wo es nicht so gut läuft, Brasilien, wo es schlecht läuft, Indonesien, wo es viel besser läuft. Richtig ist, dass eine Zeit lang weltweit viel billiges Geld zur Verfügung stand, das die Preise für viele Anlagen in die Höhe getrieben hat. Diese Entwicklung ist jetzt zu Ende und hat Probleme für alle geschaffen. Aber Indien ist dem gar nicht so sehr ausgesetzt gewesen. Auf dem Höhepunkt des billigen Geldes sind nach Indien pro Jahr netto nicht mehr als etwa 40 Milliarden Dollar ausländisches Kapital geflossen; das ist recht bescheiden. Wir sollten die Schuld für unsere Schwierigkeiten nicht auf das internationale Umfeld schieben.

ZEIT: Im Sommer wird Indien eine neue Regierung haben. Was muss sie tun, damit es wirtschaftlich wieder aufwärtsgeht?

Kumar: Am wichtigsten ist, dass der Staat wieder seine Aufgaben erfüllt. Man begegnet manchmal der Vorstellung, dass Indien irgendwie trotz Staatsversagen wirtschaftlich zu wachsen vermag, dass die Firmen ihre eigenen Straßen bauen, ihre eigene Elektrizitätsversorgung organisieren können und so weiter. Vielleicht geht das mit der physischen Infrastruktur, aber bestimmt nicht mit Recht und Ordnung, Bildung oder Gesundheitssystem. Viele Leute scheinen etwa zu denken, dass die Privatwirtschaft das Bildungswesen mit übernehmen kann, so wie der Online-Dienstleister Infosys seine eigenen Mitarbeiter ausbildet, 30.000 in jedem Jahr. Aber das ist Unsinn. Die Ärmsten der Armen geben ihr bisschen Geld dafür her, ihre Kinder auf private Schulen zu schicken. Doch viele dieser Schulen sind schlecht, weil es an Regeln und Kontrolle fehlt.

ZEIT: Steht es mit den Hochschulen besser?

Kumar: Kaum. Die sogenannten besten Universitäten dieses Landes bringen manchmal keine einzige geistes- oder sozialwissenschaftliche Doktorarbeit in fünf Jahren hervor. Wenn Sie sich die Universitäten in der Provinz ansehen, die einmal gute Bildungsinstitutionen waren: Sie sind am Ende. Sie haben Gebäude und Zombie-Dozenten; sie existieren, aber es geschieht da nichts. Und dann werden sie zunehmend durch unseriöse private Anbieter ersetzt, die fragwürdige Diplome ausgeben. Grob geschätzt, sind 80 Prozent der Hochschulabsolventen in Indien gar nicht beschäftigungstauglich. Ohne das Bildungswesen zu verbessern, werden wir kein Wachstum bekommen, das allen zugutekommt.

ZEIT: Das heißt, Indiens ökonomische Probleme können gar nicht am Markt gelöst werden, nur wirtschaftspolitisch?

Kumar: Absolut. Die Wirtschaftspolitik hat sich bisher mit Nebensachen beschäftigt: Zölle, keine Zölle, Zentralbankzinsen, das Kleingedruckte im Arbeitsrecht – das alles ist von begrenzter Bedeutung in einer Wirtschaft wie der indischen, wo die Leute beim Geldverleiher auf der anderen Straßenseite zu einem Zinssatz von 36 Prozent jährlich borgen und 85 Prozent der Arbeitskräfte im informellen Sektor, ohne Arbeits- und Tarifverträge, beschäftigt sind. Es sind die ganz schlichten Grundfragen, die dringend angegangen werden müssen.