Manchmal kann das Kino die Vergangenheit wie einen Schock auf die Leinwand werfen. Und manchmal nicht. Manchen Filmen genügt ein Blick, ein winziges Zögern, ein Moment des Innehaltens, um das Unfassbare zu erzählen. Und andere Filme sprechen von der Vernichtung so laut und überdeutlich, als wollten sie die Totenstille überdecken.

Es mag Zufall sein, dass zeitgleich zwei Filme in die deutschen Kinos kommen, die, beide in Polen gedreht, von den Überlebenswegen jüdischer Kinder erzählen: Lauf Junge lauf von dem deutschen Regisseur Pepe Danquart folgt den Wegen eines kleinen Jungen, der aus dem Warschauer Ghetto entkommen ist. Ida ist der erste Film, den der in London und Paris lebende Regisseur Paweł Pawlikowski in seiner Heimat drehte. Er spielt im Jahr 1962 und handelt von einer jungen Nonne, die kurz vor ihrem Gelübde entdeckt, dass sie Jüdin ist.

Wenn man den kleinen Jungen sieht, der in Pepe Danquarts Film zu Geigen- und Klezmerklängen durch die Natur läuft, wenn er seine schmächtige Gestalt auf den Waldboden drückt, um den Nazis zu entkommen, wenn weichgezeichnete Rückblenden und weit ausgebreitete Frauenarme an seine jüdische Herkunft erinnern – dann möchte man eigentlich Reißaus nehmen vor der Ästhetik wohlfeiler Betroffenheit.

Drei Jahre dauert die Odyssee des achtjährigen Srulik, der sich nach seiner Flucht aus dem Ghetto in den Wäldern verbirgt und vom Winter zurück in die sogenannte Zivilisation getrieben wird, der Hilfsbereitschaft und Niedertracht begegnet und nur überleben kann, indem er sich notgedrungen als katholischer Waisenjunge ausgibt.

Lauf Junge lauf, eine mehr als acht Millionen Euro teure deutsch-französische Co-Produktion, erzählt diese Geschichte (nach dem gleichnamigen Roman von Uri Orlev) in der Tonlage eines Jugendabenteuers. Der Film sperrt die Vergangenheit weg, in jenes hübsch ausgepinselte, museale Ausstattungsghetto, in dem sie uns bloß nicht mehr nahekommen soll. Mit Kostümen, die direkt aus der Reinigung zu kommen scheinen, mit liebevoll dreckverzierten Gesichtern und pittoresken Bauernkaten. Und während sich die Kamera gar nicht sattsehen kann an den großen, dunklen Kinderaugen des kleinen Helden, ist man unangenehm berührt von einer Dramaturgie, die vor allem von sich selbst ergriffen ist. Tatsächlich scheint hinter jedem Busch und jedem Baum des polnischen Waldes um 1942 ein Symphonieorchester zu lauern.

Womöglich müsste man über diese Verfilmung, die sich mit aller Opulenz vor der Vergangenheit drückt, keine Worte verlieren, käme nicht zeitgleich ein polnischer Film ins Kino, der sich ihr auf ganz und gar beeindruckende Weise stellt: Auch Ida von Paweł Pawlikowski handelt von einer Reise und vom Überleben. Aber eben auch von den Menschen, die nicht mehr zu Filmfiguren werden können, weil sie nur noch ein Haufen Knochen in einem Waldstück sind.

Plötzlich liegt ein Hauch von Freiheit in der Luft

Von der Äbtissin ihres Klosters wird die achtzehnjährige Waise Ida (Agata Trzebuchowska) aufgefordert, ihre einzige Verwandte zu besuchen, bevor sie ihr Gelübde ablegt. Eher widerwillig begibt sich die junge Frau nach Warschau, wo ihre Tante Vera (Agata Kulesza) ihr eröffnet, dass sie Jüdin ist. Es ist die Begegnung zweier Welten: Plötzlich sieht sich das Mädchen, das eben noch schweigend mit den anderen Schwestern im Refektorium saß, mit einer Frau konfrontiert, die kettenraucht, trinkt und den Liebhaber der letzten Nacht mit einer mürrischen Handbewegung verabschiedet. Der Besuch der einzigen Verwandten scheint auch Vera eher lästig. Dennoch begeben sich Tante und Nichte auf eine gemeinsame Reise. In die Provinz, zu dem Bauernhof, auf dem sich die Spur der Familie während des Krieges verlor. Es ist eine Reise in die Abgründe der Geschichte, die hier immer und unentrinnbar die deutsche Geschichte ist.