Als ich mich für die Bergstiefel entschied, wurde meine innere Stimme spöttisch. Du nimmst Treter, die schon den Himalaya gesehen haben? Junge, du fährst an die Mosel! Jetzt aber schweigt sie schon seit einer Stunde. Denn ich ramme meine Stiefel in den Fels, dass die Steinchen nur so spritzen. Trample über klirrenden Schiefer. Balanciere von Trittbügel zu Trittbügel auf meinem Weg durch die Furchen und Scharten eines steilen Anstiegs. Erst als die Todesangst erreicht ist, bleibe ich stehen. So heißt ein Abschnitt des steilsten Weinbergs von Europa. Der heißt Calmont und wuchtet seine knapp 400 Höhenmeter derart kühn in den Himmel, dass der Alpenverein, Sektion Koblenz, sogar Kletterhilfen ins Gestein geschlagen hat.

Ich halte mich an einer Metallleiter fest und lasse meinen Blick nach unten taumeln. Tatsächlich: Da liegt die Mosel, das Arkadien aller Freunde der gepflegten Kaffeefahrt. Wie mit dem Zirkel gezogen, dreht der Fluss eine seiner berühmten Schleifen im Sonnenglast. Den Wein kann man nur bewundern für seinen Todesmut: Er krallt sich in Hänge, die so steil sind, dass sie schon nach ein paar Metern aus dem Blick rutschen. Auch über dem Ufer breiten sich stahlstichfeine Rebenmuster aus. Sie umrahmen eine Klosterruine aus dem 12. Jahrhundert. Am Horizont, wo die Hügel im zart flirrenden Licht verpuffen, fährt ein Schubverband voller Steinkohle gegen die Strömung an.

Die Kletterpartie auf den Calmont ist Teil des Moselsteigs, eines eben eröffneten neuen Fernwanderwegs. Nach den Steigen an Rhein und Ahr soll auch er Wanderer in eine Gegend bringen, die nicht den Ruf hat, übertrieben sportlich zu sein. An Weinbergen, Wäldern und dem Ufer entlang führt er von der Mündung in Koblenz bis an den Grenzort Perl im Saarland. Auf den Abschnitten der Terrassen- und der Mittelmosel, die ich mir ausgesucht habe, folgt die Strecke meistens dem Auf und Ab der Hangkanten direkt über dem Fluss. In 24 Etappen von durchschnittlich 15 Kilometern Länge ist der Moselsteig eingeteilt. Ich verdopple den Einsatz: Drei Tage lang will ich jeweils 30 Kilometer weit flussaufwärts wandern – schon um dem betulichen Image der Mosel aufs Dach zu steigen.

Schweiß tropft von meiner Stirn, das Hemd klebt am Körper. Es ist kurz vor Ostern, aber sommerlich wie im August. Calidus mons, heißer Berg, nannten die Römer den Calmont. Seine Flanken fangen die Sonnenwärme ein wie ein gigantischer Hohlspiegel und speichern sie im Schiefergestein. Darum huschen hier Eidechsen und Nattern über den Weg, die sonst eher am Mittelmeer leben. Nie hätte ich gedacht, dass die Mosel so wild sein kann. Und gestern schon gar nicht. Da war ich in Cochem, wo sich unter dem Türmchentohuwabohu der Reichsburg alles ballte, was meine Freunde witzeln ließ, als ich ihnen von meinem Plan erzählte. In den Geschäften standen Weinhumpen und Nussknacker, auf der Promenade lockten die Kellner mit Erdbeerbowle zum Toast Hawaii, und den Marktbrunnen umringten festgeschraubte Drahtsessel wie auf einem Bahnsteig.

Doch weiter weg als das kann jetzt nichts sein. Hier oben bin ich allein. Es hat sich wohl noch nicht herumgesprochen, dass man hier wandern kann. Hinter dem Calmont packt mich die Euphorie. Und sie wächst mit jedem Schritt durch das schüchterne Grün des Frühlings, aus dem es leuchtet, als sei die Welt mit farbigem Puderzucker bestäubt. Aber es ist nicht das Blütenmeer aus Lila und Gelb, aus Weiß und Rosa allein, das mich beinahe singen lässt. Es ist das Offene, in das ich schreite wie ein Bremer Stadtmusikant. Wo ich schlafen werde? Mal schauen. In meinem Rucksack befindet sich alles, was ich die nächsten Tage brauche. Ich spüre sein Gewicht, aber das macht meine Beine nur leichter. Schade, dass meine Moselspötter mich jetzt nicht so sehen.

Als ich mittags in meiner ganzen Wanderburschenherrlichkeit in Neef ankomme, guckt immer noch keiner. Das Dorf wirkt wie evakuiert. Oder lauern die Moselaner hinter den Fenstern ihrer Bruchsteinhäuser? Bourgeoise Katzen hocken auf alten Weinpressen, aus Höfen glotzen winzige Trecker. Im Himmel faucht ein Flugzeug, sonst herrscht Totenstille. Mein Hals ist trocken, die Feldflasche schon seit Stunden leer. Aber kein offenes Geschäft weit und breit. Egal, etwas wird schon kommen. Es kommt aber nichts. Dann geht es in Schrägen wieder Hunderte von Metern einen Weinberg hinauf. Während ich nur noch ans Trinken denke, bemerke ich die Werbeschildchen, die an den Reben hängen. Darauf sind Winzer zu sehen, die mir wie zum Hohn fröhlich zuprosten. Herrgott, wie blöd kann man sein? Ich werde noch verdursten. An der Mosel!

Ganz oben in einem Wald ist es wenigstens schattig. Zweige knacken unter den Sohlen, es duftet nach Erde. Die Mosel hat sich verabschiedet. Dafür übernimmt es nun der Pfad, einen der am wenigsten begradigten Flüsse Deutschlands zu imitieren. Wie die aufreizenden Moselkurven, die es fast bis zur Verknotung bringen, schlängelt er sich Kehre um Kehre durchs grüne Licht. So kommt der Steig auf 365 Kilometer Länge, obwohl der entsprechende Moselabschnitt nur 240 Kilometer misst.

In der Nähe von Bullay reißt das Waldstück ab. Plötzlich blendet die Sonne und leuchtet eine gnadenlos romantische Landschaft aus. Canyonhaft eingekerbt, windet sich der Fluss unter mir. Links und rechts der Ufer formieren sich wieder Rebzeilen zu streng gestrichelten Ornamenten, durch die das Geflecht der Winzerwege mäandert. Viel schöner kann der Schulterschluss von Mensch und Natur kaum gelingen. Dann fällt mein Blick auf ein schiefergraues Geschachtel in der Ferne. Es ist Zell, mein nächster Übernachtungsort.

Als ich im Abendgold durch fast überhängende Rebstöcke ins Städtchen trippele, komme ich mir vor wie in einem alten Reklamefilm "So schön ist unser Deutschland". Viele Häuser sind von spukschlosshafter, aber ehrwürdig bröckelnder Verzierungswut gezeichnet. Selbst Weintraubenreliefs befreit die Zerstörungsarbeit der Zeit von allzu klebrigem Kitsch. Patina haben auch die meisten Menschen in der Hauptstraße. Sie tragen keine schrillen Funktionsklamotten, sondern gedeckte Farben, als gehorchten sie damit einem Naturgesetz der grauen Jahre. Manche haben ihre Brillen auf die Stirn geschoben und studieren Flaschen, die Weingüter in herrlich altmodischen Tabernakeln ausstellen. Der Geruch von Bratensoße und dicken Bohnen liegt in der Luft, meine Großmutter taucht plötzlich in Gedanken vor mir auf. Vielleicht bin ich deswegen so fasziniert von einem Schuhladen. Sein Schaufenster bietet Modelle für die Trümmerfrauengeneration an und ist mit den Lurchi-Plakaten meiner Kindheit dekoriert.