Neben unserem Auto hält die Polizei. "Dürfen wir mal erfahren, was Sie hier machen?", fragt der Streifenbeamte durchs Fenster. Wir fragen zurück: "Warum wollen Sie das wissen?" – "Ein besorgter Wietzener Bürger hat uns gerufen, weil Sie hier seit Stunden rumstehen." Die Polizei in Wietzen, Niedersachsen, kümmert sich ganz offensichtlich um die falschen Leute. Denn wir sind hier, um einen möglichen Betrug aufzudecken.

Wir beobachten den Schlachthof des Herrn L. Der Fotograf und ich beschatten ihn, weil wir einem Geflügelfleischskandal auf der Spur sind. Können wir beweisen, was wir vermuten? Dass Herr L. im großen Stil Hähnchen, die in Höchstgeschwindigkeit und unter grausamen Bedingungen gemästet wurden, als artgerecht gehaltenes und in Freilandhaltung aufgezogenes Geflügel verkauft? Sein Abnehmer: Neuland. Das ist eine bekannte Marke. Sie steht für glückliche Tiere: für Hähnchen, die im Freien herumspazieren dürfen und an die nur Körner aus der Region verfüttert werden. Neuland steht für das Echte, das Wahre. Und Neuland liegt im Trend. Die Marke ist das Aushängeschild großer und renommierter Umweltvereine: Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) und der Deutsche Tierschutzbund gehören zu den Gründern. Andere Siegel werden von den Vereinen gern öffentlich kritisiert, Neuland wird als leuchtendes Beispiel dagegengesetzt. Die Stiftung Warentest empfiehlt Neuland als Alternative zu bio: "auf Tierschutz legen sie besonderen Wert". Die Menschen vertrauen Neuland.

Zu Recht? Sollte sich unser Verdacht bewahrheiten, werden Neuland-Kunden seit Jahren betrogen. Dann liegen aufgeblähte Industriehähnchen unter dem Gütesiegel, das der Verein vergibt, in norddeutschen Fleischereien. Auch die Großküchen der Versicherungen Allianz und Concordia, von Siemens, Google, RTL und ZDF verarbeiten dieses angeblich glückliche Federvieh. Nicht zu vergessen all die Gaststätten, Universitäten und Kindergärten, die guten Gewissens Neuland-Fleisch brutzeln.

2013 fahren wir immer wieder zum Hof des Herrn L. Wir nehmen an, dass Herr L. mittlerweile insgesamt Hunderttausende Hähnchen falsch deklariert und überteuert verkauft hat. Eine gigantische Täuschung. Kunden bezahlen über zehn Euro für ein einziges Kilo vom artgerechten Hähnchen. Es sieht aber so aus, als bekämen sie zu diesem Preis in Wirklichkeit ein industriell gemästetes und mit Soja und Antibiotika vollgestopftes Stück Fleisch.

An diesem Tag – es ist Sommer 2013 – beobachten wir, wie L. in seine Schlachterei geht. Es ist ein grauer, großer Flachbau, zwei Kilometer von seinem Bauernhof entfernt. Das Gebäude hat zwei Eingänge: Rechts befindet sich ein großes Rolltor, hinter dem geschlachtet wird, links geht es in die Büroräume. Herr L. ist ein kräftiger Mann Ende 50, mit Brille und schütterem Haar. Heute trägt er Jeans und ein weißes T-Shirt.

Vor dem Schlachthof steht ein gelber Laster, Iveco, zwölf Tonnen. Wir warten darauf, dass Herr L. in diesen Laster steigt, um frische Hähnchen zum Schlachten zu holen. Die gelben Planen sind hochgerollt, sodass wir die weißen Kisten für die Hähnchen auf der Ladefläche sehen. Noch sind sie leer.

Herr L. ist nicht nur Schlachter, er hält auch Federvieh. Das ist in Niedersachsen nichts Besonderes. Nirgendwo in Deutschland werden so viele Hähnchen gemästet wie hier. Mehr als die Hälfte des deutschen Geflügels kommt aus Niedersachsen. Eine Stunde von L.s Hof entfernt steht der größte Geflügelschlachthof Europas. Hier lassen jedes Jahr 135 Millionen Hähnchen ihr Leben. Der BUND beklagt, im Bundesland sei das Trinkwasser teilweise ungenießbar, weil so viel Nitrat in den Boden sickere. Nitrat kommt aus dem Mist von Tieren.

Wenn wir zu Herrn L. fahren, brauchen wir von Bremen aus noch eine Stunde. Immer tiefer ins Niedersächsische hinein geht es. Wietzen ist ein Ort mit 2.000 Einwohnern mitten auf dem flachen Land. Ein paar Höfe. Ab und zu neben der Straße rechteckige Schuppen mit Entlüftungsschornsteinen. Darin leben unzählige Hähnchen auf engem Raum. Durch spezielle Zucht wächst das wertvolle Fleisch an ihrer Brust besonders schnell. Ihre Beine stehen dadurch weit auseinander und sind gewichtsbedingt häufig entzündet. Es ist eng. Die Luft ist dick. Tageslicht sehen die wenigsten. Und auch kaum Menschen: Die Fütterung erfolgt vollautomatisch. Und auch die Verabreichung von Antibiotika.

Der Claim: "Auf saftigen Wiesen mitten in Niedersachsen wächst das Geflügel"

Die ökologische Bewegung will schon lange eine andere Landwirtschaft. Eine lebensfreundliche und nachhaltige. Sie will die Natur bewahren, nicht ausbeuten, sie will, dass Ackerböden ruhen dürfen und Kälber nicht mit kalorienreichem Milchpulver aufgezogen werden, sondern die Milch ihrer Mutter trinken. Sie will Hähnchen, die nicht leiden müssen und deren Leben nicht nur 33 Tage dauert, die draußen herumlaufen dürfen.