Friedenskämpfer Denis Goldberg © Christopher Furlong/Getty Images

Aber ja, sagt Denis Goldberg, ihm sei von Anfang an bewusst gewesen, was er tat. Dass es ein Wagnis war, sich dem bewaffneten Arm des African National Congress (ANC) anzuschließen, um Passämter, Strommasten und Polizeistationen mit selbst gebauten Sprengsätzen in die Luft zu jagen.

Im Oktober 1963 ist sein Gesicht das einzige weiße auf der Anklagebank im berüchtigten Rivonia-Prozess vor dem obersten Gericht Südafrikas. In Rivonia bei Johannesburg befand sich die Liliesleaf Farm, die dem ANC als Unterschlupf diente. Hier verhaftete das Regime am 11. Juli jenes Jahres fast die gesamte Führungsspitze der seit 1960 verbotenen Partei und ihrer militanten Organisation Umkhonto we Sizwe ("Speer der Nation").

Der Prozess dauert neun Monate. Der prominenteste Angeklagte ist Nelson Mandela. Besonderen Argwohn aber erregt Denis Goldberg. Weil er Kommunist und Jude ist, vor allem aber, weil er seine "weißen" Privilegien aufgegeben hat, um für die Rechte der "Kaffern" einzutreten. Weil er "Verrat" übt an seiner "Rasse". Aus dem Zuschauerraum blitzt ihm der Hass entgegen. "Die machten so", sagt Goldberg, hebt das Kinn und zieht die Handkante über den Hals. Goldberg zeigte ihnen – er schmunzelt, als er das erzählt – den Mittelfinger.

Er glaubt damals so fest wie die anderen, dass ihre Hinrichtung den Freiheitskampf nur weiter befeuern würde. Vor Gericht sagt Mandela, er und seine Mitstreiter seien bereit, für ein freies, gerechtes Südafrika zu sterben. Doch das Regime ist zu klug, um sich vor aller Welt in seiner Unmenschlichkeit bloßzustellen. Am 12. Juni 1964 ergeht das Urteil: lebenslänglich. Über die Gesichter der acht Verurteilten sei erst ein Lächeln gehuscht, erinnert sich Goldberg, dann seien sie in Lachen ausgebrochen. "Leben!", habe er gerufen. "Leben ist wunderbar!"

Denis Goldberg ist damals 31 Jahre alt. Er ist verheiratet, Vater zweier Kinder. Er verliert viel, auch wenn er sein Leben behält. 22 Jahre verbringt er im Gefängnis in Pretoria, während seine "Comrades" auf die Gefängnisinsel Robben Island vor Kapstadt verfrachtet werden – auch hinter Gittern sind Schwarz und Weiß getrennt.

Goldbergs Vorfahren kamen, wie viele jüdische Einwanderer am Kap, aus Litauen. Vor den antijüdischen Pogromen im Zarenreich flohen sie über London nach Südafrika. Dort fanden Goldbergs Eltern in der Kommunistischen Partei eine politische Heimat. Von 1924 an ist sie die einzige Partei, die sich auch Schwarzen öffnet, und so wird das Haus der Familie schon bald zum Treffpunkt für Menschen aller Hautfarben, während draußen "Rassentrennung" herrscht.

1948, Denis Goldberg ist 15 Jahre alt, erhält das Unterdrückungssystem seinen Namen: Apartheid. Mit diesem Wort will die Burenpartei, die in diesem Jahr an die Macht kommt, ihre rassistischen Gesetze als philanthropisches Programm verkaufen: Schwarz und Weiß sollen einen Weg "getrennter Entwicklung" beschreiten. Die schwarzen Volksgruppen wie die Xhosa und Zulu werden zudem in Homelands voneinander separiert. So will die burische Minderheit das Erstarken eines geeinten schwarzen Nationalismus unterbinden.

Genau das, die Selbstbefreiung der Schwarzen, strebt der 1912 gegründete ANC an, der nun von anderen "Kongressen" (unter anderem der Inder und der kritischen Weißen) unterstützt wird. 1955 verabschieden die Gruppen gemeinsam die freedom charter, die später zur Grundlage für die Verfassung des neuen, freien Südafrika wird.

Goldberg, der wegen seiner Hautfarbe nicht ANC-Mitglied werden kann, schließt sich dem weißen Congress of Democrats an und, mit seiner Frau Esmé, einer antirassistischen Jugendgruppe. Die weißen Kommilitonen, mit denen er Ingenieurwissenschaften studiert, sind irritiert, wenn er ihnen erzählt, Häuser, Brücken und Straßen für ein Südafrika ohne Rassenschranken bauen zu wollen. Eine Zeit lang arbeitet er für die staatliche Eisenbahn – und verliert seinen Job, als sich herumspricht, dass er auf Versammlungen revolutionäre Reden schwingt. 1957 wird Goldberg Mitglied der seit 1950 verbotenen Kommunistischen Partei.