Sie essen Brot, Reis, Nudeln oder Müsli? Sie trinken Saft? Sie gönnen sich ab und zu ein Bier? Dann würden Sie in einem besonderen Schnelltest schlecht abschneiden. Wer mehr als die Hälfte der Fragen mit Ja beantwortet, der "riskiert ernsthafte neurologische Probleme"! Das behauptet jedenfalls David Perlmutter, Autor des Buchs Dumm wie Brot (Mosaik), das gerade auf Deutsch erschienen ist. Die Fragen, mittels derer die Leser ihr Risiko für einen "massiven geistigen Abbau" ermitteln sollen, hat er so formuliert, dass garantiert jeder, der sich darauf einlässt, zum Hochrisikokandidaten wird – und weiterliest.

Mit seiner gewagten These gibt der Autor sich alle Mühe, Angst und Schrecken zu verbreiten: Die kohlenhydratreiche, fettarme Kost, die in westlichen Ländern empfohlen wird, sei schädlich. Sie erhöhe das Risiko für Erkrankungen wie Migräne, Depressionen, ADHS und sogar Alzheimer dramatisch.

Perlmutter steht in einer Reihe mit anderen Predigern einer kohlenhydratarmen Ernährung ("Low-Carb"). Der Neurologe und Ernährungsmediziner aus Florida geht aber weiter als die meisten: Neu ist seine Behauptung, der Zusammenhang zwischen der Ernährung und Erkrankungen des Gehirns sei erwiesen. Eine aktuelle Mode bedient er, indem er nicht nur Kohlenhydrate an sich verdammt, sondern insbesondere das in vielen Getreidesorten enthaltene Klebeeiweiß Gluten. Von anderen Ernährungsgurus hebt Perlmutter sich außerdem in der Drastik seiner Formulierungen ab: "Modernes Getreide zersetzt das Gehirn", schreibt er. Gluten könne als "stummes Virus" bleibende Schäden verursachen, "ohne dass wir davon wissen".

Wir sollten uns also Sorgen machen, meint Perlmutter – selbst wenn wir überhaupt keine Beschwerden haben. In einer Zeit, in der viele Menschen sich verunsichert fragen, welche Ernährung denn nun die richtige sei, und Lebensmittel als potenzielle Gefahr für ihre Gesundheit betrachten ( ZEIT Nr. 48/13), hat der Autor mit diesem Angstappell leichtes Spiel.

Stimmen muss das deshalb noch lange nicht.

Zunächst wirkt Perlmutters Beweisführung lückenlos und beeindruckend: Auf fast jeder Seite zitiert er namhafte Wissenschaftler, referiert Studien, gibt sich mit etlichen Fußnoten den Anschein purer Gewissenhaftigkeit. Die Kombination aus steilen Thesen und scheinbarer Sorgfalt zeigt große Wirkung: In den USA stand das Buch auf der Bestsellerliste der New York Times, in deutschen Onlineforen feiern einige Leser das Buch bereits als "medizinische Revolution" und empfehlen es entsprechend weiter. Perlmutter liegt mit seinen Thesen eindeutig im Trend unzähliger populärwissenschaftlicher Ernährungssachbücher.

Schaut man sich aber seine Argumentation genauer an, erkennt man schnell, was für ein haarsträubendes Durcheinander Perlmutter anrichtet: Er vermischt altbekannte Wahrheiten mit Spekulationen, wählt Studien selektiv aus, dramatisiert Ergebnisse, zieht falsche Schlüsse und dekoriert all das mit Anekdoten von seinen Patienten, die nach glutenfreier Diät auf wundersame Weise geheilt worden seien. Dass beispielsweise Diabetes das Risiko erhöht, an einer Demenz zu erkranken, wird zwar tatsächlich in der Wissenschaft diskutiert, der Zusammenhang gilt auch als wahrscheinlich. Perlmutter hingegen folgert, auch bei Gesunden führe der Verzehr von Kohlenhydraten (die der Körper in Zucker umwandelt) zum geistigen Verfall. Diese Verallgemeinerung lässt sich aber nicht belegen.

Natürlich ist es nicht besonders gut, so viele Kohlenhydrate zu essen, dass man übergewichtig wird. Denn das erhöht das Risiko für Folgekrankheiten wie Diabetes oder Bluthochdruck und fördert entzündliche Prozesse im Körper. Diese Zusammenhänge sind schon sehr lange bekannt. Ob aber Übergewicht auch mit Erkrankungen in Verbindung steht, an denen das Gehirn beteiligt ist, wird in der Fachwelt noch diskutiert.

Zwar haben beispielsweise Dicke häufiger Depressionen als Normalgewichtige. "Aber ob die Ursache dafür entzündliche Prozesse sind oder psychische Faktoren, ist noch völlig unklar", sagt Manfred Schedlowski, der am Uni-Klinikum Essen erforscht, wie Entzündungen das Gehirn beeinflussen.