Es ist ein Paragraf, der Monika Dehmel seit zwei Wochen zu schaffen macht: Paragraf 22 des Gesetzesentwurfs zum Mindestlohn. Dehmel ist Geschäftsführerin von "Politik zum Anfassen", einem Verein in Niedersachsen, der sich für politische Bildung an Schulen einsetzt. Den Mindestlohn findet sie im Prinzip gut, faire Löhne, keine Ausbeutung, aber unter Paragraf 22 heißt es: "Praktikantinnen und Praktikanten (...) gelten als Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im Sinne dieses Gesetzes." Heißt: Auch sie müssen in Zukunft mindestens 8,50 Euro pro Stunde gezahlt bekommen. Bei Politik zum Anfassen arbeiten insgesamt acht Leute, niemand ist fest angestellt: Monika Dehmel ist ehrenamtlich tätig, zwei Mitarbeiter machen ihr Freiwilliges Soziales Jahr, die restlichen fünf sind Praktikanten. Dehmel sagt: "Sollte der Mindestlohn für Praktikanten kommen, ohne weitere Ausnahmen, würde das für uns tiefe Einschnitte bedeuten. Die Arbeit, so wie wir sie jetzt machen, könnten wir nicht mehr stemmen."

Der Mindestlohn, verkündete Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles kürzlich, sei eine gute Nachricht für all diejenigen, die hart arbeiten, aber nur wenig Geld dafür bekommen. Damit meinte sie ausdrücklich auch die rund 600.000 Praktikanten, die es in Deutschland gibt. Ein Hochschulabsolvent macht durchschnittlich vier bis fünf Praktika, oft unbezahlt – vor, während und nach dem Studium, so das Ergebnis einer Studie der Hans-Böckler-Stiftung in Kooperation mit der Freien Universität Berlin. Rund 40 Prozent sind unbezahlt. Für die Generation Praktikum soll es nun mehr Geld geben. Aber ob ihr das nützt? Hört nur die Ausbeutung auf – oder gehen auch viele gute Praktika verloren? Seit Jahren wird darüber gestritten, ob der Mindestlohn Jobs kostet, aber wie er sich auf Hunderttausende Praktikumsstellen auswirkt, dazu gibt es keine Prognosen.

Nach den Plänen von Nahles sollen alle freiwilligen Betriebspraktika, die länger als sechs Wochen dauern, ab 2015 dem Mindestlohn unterliegen. Lediglich Schul- und Pflichtpraktika im Rahmen einer Ausbildung sind ausgenommen. "Dass freiwillige Praktika zukünftig den Mindestlohn bekommen, finden wir gut", sagt Florian Haggenmiller, Bundesjugendsekretär beim Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB). Auch wenn er die zeitliche Begrenzung von sechs Wochen nicht nachvollziehen kann, ebenso wenig, weshalb die Bundesregierung die Altersgrenze auf 18 Jahre festgelegt hat. "Einige Begründungen zur Regelung für die Ausnahmen sind nicht logisch, sondern politische Kompromisse", sagt Haggenmiller. Wirtschaftsverbände wie der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK) und die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) reagierten ausschließlich mit Kritik, sie befürchten, dass Unternehmen als Folge des Mindestlohns deutlich weniger freiwillige Praktika anbieten werden als bislang. Aber auch der Caritasverband fordert, Praktika in den ersten drei Monaten von einer Mindestlohnregelung auszunehmen.

Oft heißt es, immer mehr Arbeitsplätze würden in Praktikantenstellen umfunktioniert. Doch das können Experten nicht bestätigen. Im Gegenteil: Seit einigen Jahren entstehen massenhaft neue sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze – allein in den vergangenen zwölf Monaten rund 400.000 –, während die Zahl der Praktika konstant bleibt. Das hat das Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) festgestellt. Die Praktikanten sind in etwa 300.000 Betrieben beschäftigt, die Mehrheit davon in Kleinst- und Kleinbetrieben. Der Anteil der Praktikanten an allen Beschäftigten liegt bei 1,5 Prozent.

Weder im Arbeitsrecht noch in der Sozialversicherung ist das Praktikum eine eigenständige Beschäftigungsform, eine verbindliche Definition gibt es nicht. Praktika, das können Kaffeekochen und Botengänge sein – oder 15-Stunden-Tage und Wochenendarbeit. Im vergangenen Jahr starb ein 21-Jähriger, der gerade bei einer Londoner Bank Praktikum machte. Die Todesursache ist unklar – er hatte einen epileptischen Anfall, war aber auch extrem überarbeitet. Vor Kurzem zog eine 19-Jährige vor Gericht, die ein Praktikum in einer Rewe-Filiale in Bochum gemacht hatte – mehr als acht Monate lang, unbezahlt. Die Richter sprachen ihr mehr als 17.000 Euro Lohn zu.

Laut der Studie der Hans-Böckler-Stiftung liegt der durchschnittliche Lohn bei den Praktika, die überhaupt bezahlt werden, bei 3,77 Euro pro Stunde. Das entspricht je nach Wochenarbeitszeit bis zu 550 Euro im Monat. Diese Zahlen stammen allerdings aus 2011, neuere gibt es nicht. Boris Schmidt von der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin und Mitautor der Studie sagt: "Wenn ein Praktikum unbezahlt ist, heißt das nicht, dass es schlecht ist. In unserer Studie konnten wir feststellen, dass viele von den Befragten als hilfreich eingestufte Praktika nicht entlohnt wurden." Anhaltspunkte für einen flächendeckenden Missbrauch sehe er nicht.