Es waren einmal ein paar Braumeister, die ein ganz besonderes Bier brauen wollten. Dessen Zutaten sollten so außergewöhnlich sein, dass jeder den unnachahmlichen Geschmack des Bieres preisen und es immer wieder kaufen sollte.

Das war der Plan. Doch zu ihrem großen Verdruss fanden die Braumeister in den Kellern bloß die üblichen Zutaten, die sie schon seit dem Erlass des Reinheitsgebots von 1516 verwendeten und mit denen sich aller Mühen zum Trotz bloß ganz normales Bier brauen ließ. Also sagten sie sich: Lasst uns den gewöhnlichen Zutaten einfach ungewöhnliche Namen geben! Und so geschah es.

Seither wird Flensburger Pils mit "Küstengerste" und Krombacher mit "Felsquellwasser" gebraut. Beides sind Erfindungen – Kunstworte, die die Brauhäuser vor wenigen Jahren als Marke eintragen ließen. Die Gerste anderer Brauer mag ja direkt an der Wasserkante wachsen, aber nur die von Flensburger darf "Küstengerste" genannt werden. Und selbst wenn jedes Quellwasser der Welt beim Weg an die Erdoberfläche an einem Felsen vorbeiblubbert, sollte man es nicht als "Felsquellwasser" bezeichnen, weil Krombacher sonst seine Anwälte vorbeischickt.

Solche Phantomzutaten (zu denen auch Piemont-Kirschen und Byzantiner Königsnüsse gehören) haben mehr mit Psychologie als mit Geschmack zu tun. Sie lassen im Konsumentenkopf Filme ablaufen. Im Fall der "Küstengerste" handelt der Film von sturmumtosten Feldern und erzeugt so ein wohliges Gefühl, das einem leichten Rausch nicht unähnlich ist. Insofern ähnelt "Küstengerste" dem Feenkraut, mit dem Kasperl in der Geschichte vom Räuber Hotzenplotz den bösen Zauberer Petrosilius Zwackelmann besiegt: Beide lösen auf magische Weise Probleme. Was nur beweist, das gute Braumeister stets auch große Illusionisten sind.