DIE ZEIT: Herr Minister, Europa erlebt die gefährlichste Krise seit dem Ende des Kalten Krieges. Hat der Konflikt in der Ukraine Sie auf dem falschen Fuß erwischt?

Frank-Walter Steinmeier: Es schien ausgeschlossen, dass wir sieben Jahrzehnte nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in nur wenigen Wochen mit einer Politik konfrontiert werden, die gewaltsam Grenzen verändert. Das darf kein Beispiel werden, weder in Europa noch sonst in der Welt.

ZEIT: Warum hat diese Krise Sie so überrascht?

Steinmeier: Die Beziehungen zwischen der EU und Russland waren in den letzten fünfzehn Jahren von Höhen und Tiefen begleitet. Aber nach Jahren wachsender Wirtschaftskooperation mit Russland und einer nicht immer konfliktfreien, aber dauerhaften politischen Zusammenarbeit habe ich nicht mit der Rückkehr zu alten Mustern der Absicherung geopolitischer Räume mit militärischer Gewalt gerechnet.

ZEIT: Putin hat die Krim annektiert. Siegt die Macht über das Recht?

Steinmeier: Auf der Krim ist das zweifellos der Fall. Russlands Vorgehen ist politisch inakzeptabel und völkerrechtswidrig. Es kommt nun darauf an, die zwischenstaatlichen Beziehungen in Europa nicht von Russlands Verhalten und dessen Folgen auf Dauer prägen zu lassen.

ZEIT: Der Westen hat bisher eher symbolische Sanktionen verhängt. Bleibt die Annexion der Krim folgenlos?

Steinmeier: Nein, sie ist schon jetzt nicht ohne Folgen. Weder glaubt irgendjemand in Europa, nach der Annexion der Krim könnten wir mit Russland ohne Weiteres zur Tagesordnung übergehen, noch kann sich Russland selbst einreden, dass die Annexion folgenlos sei. Wirtschaftlich hat sich das schon gezeigt mit dem Einbruch auf den Moskauer Finanzmärkten, dem Fall des Rubels und der sich dramatisch beschleunigenden Kapitalflucht. Politisch sollte es Moskau zu denken geben, dass die Abstimmung sowohl im Sicherheitsrat wie in der Generalversammlung der Vereinten Nationen deutlich gemacht hat, dass seine Politik selbst von vielen regelmäßigen Unterstützern Russlands nicht mitgetragen wird.

ZEIT: Ist Europa entschlossen genug?

Steinmeier: Ich finde Europas Politik richtig. Erstens, weil wir eine klare gemeinsame Haltung eingenommen haben. Zweitens, weil wir auf das Vorgehen Russlands nicht kopflos, sondern klug reagiert haben. Mit den dreistufigen Sanktionen lassen wir verschärfende Handlungsmöglichkeiten offen und verbauen uns nicht die Rückkehr zum Gespräch mit Russland.

ZEIT: Die Amerikaner wären mit den Sanktionen gern schneller und weiter vorangegangen. Warum bremsen Sie und die Bundesregierung?

Steinmeier: Es war doch eher so, dass die Amerikaner am Ende diesen Vorschlag des gestuften Vorgehens mitgetragen haben und selber weiter auf diesem Kurs sind. Aus ungezählten Treffen und Telefonaten weiß ich: John Kerry und ich teilen die gleiche Analyse der Lage.