Es war ein Samstag im April vor 20 Jahren. Mein Bruder hatte Geburtstag, und ich bepackte das Auto meiner Eltern. Meine Mutter fragte, ob ich wirklich gehen wolle. Dann reichte sie mir den Schlüssel. Ich war 21 und wollte weg aus Härkingen, aus diesem Dorf, das mir zum Kaff geworden war. Eng, stier, kleinkariert. Und unerträglich, was den Umgang mit Frauen betraf. Wenn meine Familie, meine Nachbarn, alle im Dorf über mich sprachen, dann gebrauchten sie als Artikel den sächlichen. Bis ich eines Tages sagte, dass ich – verdammt noch mal – "die Sarah" sei und nicht "’s Sarah". Dies zu sagen hatte mich allen Mut der Welt gekostet. Und geflucht hatte ich nur in Gedanken. Denn mehr als alles andere hatte ich in diesem Dorf gelernt, anständig zu sein. Höflich. Bescheiden. Niemals fordernd. Und so war es auch kein Leichtes gewesen, eines Tages auf die einzige Bank im Dorf zu gehen, die Raiffeisen, mit dem Wunsch, mich in Briefen nicht mehr ein "Fräulein" zu nennen. Das Fräulein sei nämlich tot.

Mein Dorf, das ist Härkingen im Bezirk Gäu im Kanton Solothurn: 440 Meter über Meer, im topfebenen Niemandsland des Schweizer Mittellands. Am wichtigsten Autobahnkreuz der Schweiz.

An diesem Apriltag 1994 packte ich also meine Siebensachen und fuhr los, zehn weite Kilometer bis nach Olten. Drei Zimmer, meine beste Freundin, die Badewanne in der Küche, knarrende Böden aus Holz und klirrende Kälte im Winter – und ein Garten, der schneller wucherte, als wir jäten konnten.

Auf der Brücke, die am Dorfausgang über die Autobahn führt, schaute ich noch einmal nach rechts, hinunter, um zu sehen, wie der Verkehr fließt. So, wie wir Härkinger das immer tun.

Seit wir Kinder waren, wussten wir, dass unser Dorf die Mitte der Schweiz ist und das Herz von Europa – und dass niemand an uns vorbeikommt, wenn er von Hamburg nach Rom oder von Paris nach Moskau will. Wenn es am Radio hieß: "Autobahn N 1, Bern–Zürich, zwischen Niederbipp und Härkingen, Stau nach einem Unfall", dann kroch der transeuropäische Schleichverkehr vor unserem Haus vorbei. (Erst viel später wurde uns bewusst, dass viele andere Wege ebenfalls nach Rom führen.)

20 Jahre später. Dasselbe Dorf, dieselbe Brücke. Was ist aus Härkingen geworden? Teilt es das Schicksal vieler Schweizer Dörfer und ist zur Schlafgemeinde geworden? Oder konnte es der Moderne trotzen?

Es ist acht Uhr morgens. Der Verkehr stockt auf der Autobahn und am Himmel: ein Regenbogen. Daniel Nützi, 43, ist pünktlicher als ich. Wie immer. Sein Lachen ist schallend, sein Händedruck fest und offen der Blick. Wie damals, als wir zusammen zur Schule gingen und er unser aller Schulschatz war. Bis zu zwanzig Mädchen waren gleichzeitig in ihn verliebt. Denn keiner war so nett wie er und keiner talentierter im Fußball. Und keiner hat schöner ins Poesiealbum geschrieben als er. Sein Abziehbild der Comicfigur Sarah Kay blieb lange das Kostbarste, was ich besaß.

Heute ist Daniel Nützi der Gemeindepräsident von Härkingen, es ist ein 30-Prozent-Job im Nebenamt. Gewählt wurde er für die CVP. Härkingen hat 1477 Einwohner, gut ein Drittel mehr als noch vor 20 Jahren, als ich das Dorf verließ. 770 Männer, 707 Frauen. 15,3 Prozent von ihnen sind Ausländer, fast zehn Prozent weniger als im schweizweiten Durchschnitt. Ihre Freizeit verbringen die Härkinger in einem der knapp 20 Vereine. Das Dorf hat zwei Restaurants, eine Metzgerei. Ein Schulhaus, zwei Kindergärten, zwei Turnhallen, einen Sportplatz, ein Feuerwehrlokal, einen Werkhof und eine Poststelle. Nur der Laden, zwei Restaurants und das Schützenhaus mussten schließen, und das Hallenbad wurde in einen Mehrzweckraum umgebaut. Auch sonst ist vieles beim Alten geblieben: Kinderkrippe? Kein Bedarf. Tagesstrukturen an den Schulen? Kein Thema im Moment.

Daniel Nützi ist hier geboren. Was hält ihn in diesem Dorf? Ihn, der als einer der wenigen unserer Jahrgänge die Kantonsschule besuchte, die Matura machte und an der ETH Kulturingenieur wurde? Warum hat er nur ein einziges Jahr seines Lebens auswärts verbracht, vier Kilometer weiter in Kappel – und auch das nur, weil keine Wohnung in Härkingen frei war? "Es gefällt mir hier", sagt er. Die Menschen, der Kirchenchor und der Fußballklub sind ihm ans Herz gewachsen. Überhaupt findet er alles, was er zum Leben braucht in Härkingen und den Nachbardörfern: In Neuendorf arbeitet er als Sekundarlehrer, in Egerkingen und Gunzgen geht er einkaufen.

Gibt es nichts, was er vermisst, wofür er weiter als bis ans Ende des Gäus reisen müsste? Nach Olten? Solothurn? Oder nach Zürich? "Zürich? Ich wüsste nicht, wann ich zuletzt da war", sagt er. Und lacht. Nein, er möchte nicht aufgeben, was er hier hat. Erst recht nicht, seit er vor zwölf Jahren auf dem Land seiner Familie, Tür an Tür mit den Eltern, der Tante und seinem Bruder, ein eigenes Haus gebaut hat; zusammen mit seiner Frau, auch sie eine Härkingerin.