"Europa steht am Scheideweg – vorwärts zu einem besseren Morgen oder rückwärts zu einem nationalen Feuer, das längst nicht mehr wärmt." So lautet der erste Satz eines Strategiepapiers der SPD über den richtigen Umgang mit rechtspopulistischen Parteien im Allgemeinen und der Alternative für Deutschland, AfD, im Besonderen.

Erste Sätze sollen die Aufmerksamkeit des Lesers erreichen. Doch dieser erste Satz ist ein Zwitter aus Klischee und Phrase und vertreibt den Leser, sofern nicht Herz-Jesu-Sozi, sofort. Und mehr noch: In diesem Satz steckt das ganze Elend der SPD.

Zunächst einmal muss man die Sozialdemokraten aber loben. Während sich die Union in erster Linie Gedanken darüber macht, wie oft sie den Spitzenkandidaten der europäischen Konservativen, Luxemburgs Ex-Premier Jean-Claude Juncker, auf ihren Plakaten durch die Sie-kennen-mich-Kanzlerin Angela Merkel zu ersetzen gedenkt, packt die SPD eine substanzielle Frage an: Wie lässt sich ein Durchmarsch rechtspopulistischer Parteien bei der Europawahl am 25. Mai verhindern?

Auf den 19 Seiten ihres Strategiepapiers, entworfen im Team um Wahlkampfmanager Matthias Machnig, definieren die Genossen "Populismus", zeigen gesellschaftliche Hintergründe auf und liefern einen umfassenden Überblick über rechtspopulistische Parteien in Europa, ihre Gemeinsamkeiten und Unterschiede. Abschließend präsentieren sie acht Ratschläge, wie man Populismus weniger populär machen könnte. Auch wenn diese Tipps hart am Banalen entlangschrammen ("klare Sprache") und zuweilen widersprüchlich erscheinen (hier soll man "nicht auf jede Provokation reagieren", da "sich der Debatte stellen"), so wäre das Papier ein durchaus gelungener Beitrag zur Rechtspopulismus-Debatte – wenn es nicht gleich am Anfang ganz groß machte, was es kleinkriegen will. Mit dem ersten Satz.

In diesem ersten Satz gibt es hier ein besseres Morgen und da ein nationales Feuer. Hier den Himmel – das vereinte und vertiefte Europa –, da die Hölle, den dumpfen Nationalismus, das ewige Gestern. Das ist in vieler Hinsicht problematisch. Zum einen, weil etliche Europäer ihren Kontinent gar nicht an diesem Scheideweg sehen. Für sie ist das vereinte und vertiefte Europa nicht per se das bessere Morgen – und die Alternative dazu nicht automatisch dumpfer Nationalismus. Wer in Europa in erster Linie Regulierungseifer, undurchsichtige Entscheidungen und Institutionen sieht, denen es an Volksnähe mangelt, wird gewöhnlich ein anderes Europa wollen und nicht dessen Zerfall. Und schon gar nicht wünscht er sich nationale Feuer zurück, ob sie nun wärmen oder nicht.

Gleichzeitig weist der erste Satz rechten und linken Populisten eine ungeheure Wirkungsmacht zu. AfD in Deutschland, UKIP in Großbritannien, Syriza in Griechenland, FPÖ in Österreich, Front National in Frankreich, PVV in den Niederlanden – sie sind in der Lage, das bessere Morgen zu verhindern. Wie großartig! Wie wunderbar! Den Wählern, die weder an das bessere Morgen glauben noch im dumpfen Nationalismus die einzige Alternative dazu sehen, wird hier erklärt, wie sie Europa am wirkungsvollsten verändern können: durch eine Stimme für die Populisten. Der erste Satz des Papiers macht Europas populistische Parteien also nicht nur größer, als sie sind – er verharmlost sie auch. Das muss man erst mal hinkriegen.

Und noch etwas ist an diesem ersten Satz problematisch: Die Alternative, die sich an Europas Scheideweg stellt, ist gar keine – wer will schon die Hölle, wenn es den Himmel gibt? Das bessere Morgen, so impliziert der Satz, ist für jeden denkenden Menschen alternativlos. "Nichts ist alternativlos", heißt es aber im letzten Punkt der SPD-Empfehlungen für den Umgang mit Populisten. "Jede Argumentation, eine politische Entscheidung sei alternativlos oder aufgrund externer Sachzwänge gefallen, vereinfacht populistische Mythenbildung und Verschwörungstheorien." Genau!

Das ist aber nicht das größte Problem. In den Signalworten "Scheideweg", "vorwärts oder rückwärts", "besseres Morgen oder nationales Feuer" äußert sich ein zentrales Stilmittel der deutschen Sozialdemokratie, das immer öfter ins Leere läuft: die Dramatisierung der Lage.