Krisen machen es manchmal möglich, Politikern beim Umdenken zuzusehen. Jedenfalls den Klügeren unter ihnen. Dies ist hier der Fall: So scharf wie im Interview mit der ZEIT (siehe aktuelle Print-Ausgabe) hat Frank-Walter Steinmeier noch nie über Russlands Vorgehen in der Ukraine geredet. Dabei ist er der glühendste Verfechter von Kooperation und "Wandel durch Verflechtung".

Der deutsche Außenminister Steinmeier ist konsterniert, enttäuscht und wütend – mehr als der Diplomat Steinmeier zeigen darf. Seit Wochen versucht er zu vermitteln, nur um immer wieder durch neue russische Provokationen düpiert zu werden. Wie auch jetzt wieder, da die gleichen angeblich "prorussischen Kräfte", die schon die Annexion der Krim absicherten, Rathäuser und Polizeistationen im Osten der Ukraine stürmen – und das Land an den Rand eines Bürgerkriegs bringen.

Russlands Politik, gewaltsam Grenzen zu verändern, sei "inakzeptabel und völkerrechtswidrig", sagt Steinmeier und fordert Russland auf, sich von dem "widerrechtlichen Vorgehen" der prorussischen Demonstranten zu distanzieren. Niemand solle glauben, man könne "ohne Weiteres zur Tagesordnung übergehen" (auch nicht die deutsche Wirtschaft). Starke Worte: Steinmeier warnt, die "Aushöhlung des Prinzips der territorialen Unversehrtheit" zugunsten eines "behaupteten Selbstbestimmungsrechts der Völker" könnte für den Vielvölkerstaat Russland selbst am gefährlichsten werden. Russland hätte durch einen Zusammenbruch der Ukraine am meisten zu verlieren.

Ob das auch die Logik Putins ist? Im Moment sieht es so aus, als wäre ihm eine kaputte Ukraine lieber als eine Europa zugewandte. Niemand, auch nicht Steinmeier, weiß, wie weit Putin noch zu gehen bereit ist. Der aber weiß genau, was der Westen nicht tun wird: militärisch eingreifen. Das bleibt richtig. Aber es schafft auch eine gefährliche Asymmetrie. Die einzige Möglichkeit, sie ein wenig auszugleichen, sind schmerzhafte Sanktionen. Sie wären jetzt an der Zeit.

Putins Politik, die Ukraine zu destabilisieren, hat Steinmeiers dialogische Ostpolitik ad absurdum geführt. Eine neue ist noch nicht in Sicht. Aber die nüchterne Bestandsaufnahme hat begonnen.

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