Leben Politiker und Schriftsteller in getrennten Sphären, wie es oft heißt? Wir beweisen mit einer Gesprächsserie das Gegenteil und waren diesmal dabei, als der Autor Roger Willemsen ("Das Hohe Haus – Ein Jahr im Parlament") im Berliner Reichstagsgebäude auf Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) traf.

Roger Willemsen: Ich habe ein Jahr auf der Besuchertribüne des Parlaments gesessen, ich habe Sie beobachtet, Herr Lammert, aber ich weiß nicht, ob Sie mich gesehen haben?

Norbert Lammert: Nein. Jedenfalls habe ich Sie nicht als Dauerbeobachter wahrgenommen.

Willemsen: Kommt es vor, dass Sie einer Debatte folgen und tatsächlich schauen, wer da oben sitzt? Einmal zum Beispiel gab es eine Debatte über Kinderpornografie, und oben saß eine Schulklasse. Ich hatte nicht das Gefühl, dass die Abgeordneten das berücksichtigen, auch in anderen Fällen nicht.

Lammert: Das halte ich auch nicht zwingend für nötig. Der Bundestag kann seine Tagesordnung ja nicht an der jeweiligen Besetzung auf der Besuchertribüne orientieren. Es kommt aber immer wieder vor, dass Abgeordnete sich ausdrücklich an einzelne Personen oder Gruppen auf der Tribüne wenden. Im Übrigen wird vom Parlament doch auch zu Recht eine gewisse Distanz zu den Betroffenen erwartet.

Willemsen: Aber kein Desinteresse. Ich glaube, dass einiges von dem, was ich erlebt habe, auch Ihnen nicht unbedingt gefallen hat. Ich erinnere mich an eine Szene, da bekamen Sie Applaus von der Tribüne ...

Lammert: ... was eigentlich nicht zulässig ist.

Willemsen: Sie mahnten die Abgeordneten, doch bitte etwas ruhiger zu ein. Es war so laut, dass man oben auf der Tribüne nicht verstehen konnte, was unten gesprochen wurde. Ich verstehe so ein Verhalten nicht. Im Prinzip signalisieren die Abgeordneten damit ihrem Publikum: Es lohnt sich nicht. Ich höre nicht zu, ich wende mich ab, ich schaue eigentlich nach hinten. Am ärgerlichsten empfand ich das bei der Debatte zum Abschlussbericht der NSU-Untersuchung, als die Angehörigen der türkischen Opfer oben saßen und sich die Halbwertszeit unserer Pietät angucken konnten. Das war beklemmend. Besucher dürfen dem Parlament eine Stunde lang zuschauen. Das Volk will sich, wenn ich das so pompös sagen darf, in dieser einen Stunde auch repräsentiert sehen. Es ist dem Volk sehr schwer klarzumachen, warum man so viele aufgeklappte Tablets sieht, warum gelesen wird oder sogar Computerspiele gespielt werden.

Lammert: Der Besucher auf der Tribüne sitzt da meist einmal im Leben für eine Stunde. Er kommt mit der Erwartung: Jetzt erlebt er Parlament. Und er erlebt dann nicht die Regierungserklärung der Bundeskanzlerin zur dramatischen Situation in der Ukraine, sondern zum Beispiel die 11. Novelle der europäischen Milchpreisverordnung. Schon da beginnt die strukturelle Enttäuschung. Der Regelfall des parlamentarischen Alltags ist Routine. Dennoch gebe ich Ihnen recht, und gelegentlich habe ich ja auch interveniert: Es ist nicht zu viel verlangt, dass man Parlamentarier gelegentlich daran erinnert, dass es eine Erwartung des Publikums an sie gibt.

DIE ZEIT: Hätten Sie schon mal gerne jemanden rausgeworfen?

Lammert: Ich bin der einzige Parlamentspräsident der bundesdeutschen Geschichte, der eine ganze Fraktion aus dem Saal gewiesen hat. Das war 2010, als die Fraktion Die Linke mit Plakaten gegen den Bundeswehreinsatz in Afghanistan protestierte und damit erneut gegen die im Ältestenrat einvernehmlich getroffene Regelung verstieß, dass Demonstrationen im Bundestag unzulässig sind.

ZEIT: Sind Sie manchmal wütend?

Lammert: Selten, jedenfalls nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen. Ich glaube, ich habe noch nie einen förmlichen Ordnungsruf erteilt. Ich halte das auch eher für eine hilflose Geste. Eine ironische Bemerkung wirkt meist stärker. Aber wir sollten vielleicht einmal festhalten: In Herrn Willemsens Buch wird nicht das Parlament beschrieben – sondern der Plenarsaal. Der Plenarsaal ist der prominenteste Platz des Parlaments. Aber er ist weder der einzige noch immer der spannendste Ort.

ZEIT: Welcher ist der spannendste Platz im Parlament?

Lammert: Es gibt nicht den einen spannendsten Platz. Es gibt Kollegen, die halten die Regierungsbank für den spannendsten Platz des Parlaments. Zu denen gehöre ich nicht.