Wenn Marcus Dreier spricht, hört die Kanzlerin aufmerksam zu. Gerlinde Reich leitet die Verwaltung der Fachhochschule Potsdam, an diesem Frühlingsnachmittag hat sie zu einer Besprechung in ihr Büro geladen. Das Sommersemester steht bevor, und es gibt noch einige Fragen zu klären: Der Allgemeine Studierendenausschuss (Asta) braucht einen Steuerberater, der Studententreff muss GEZ-Gebühren bezahlen. Die Kanzlerin fragt Dreier nach seiner Meinung, er sitzt ihr gegenüber am Ende des Konferenztisches.

Dreier hat eine freundliche Stimme, sein Ton ist sachlich. Er kennt die Zahlen, er hat sich vorbereitet. Der Architekturstudent notiert alles in einem großen, schwarzen Notizbuch. Er wirkt dabei so konzentriert, als müsste er die Baupläne der Hamburger Elbphilharmonie auf Fehler durchsuchen. Er ist 24 Jahre alt, Bachelorstudent – und Vizepräsident der Hochschule.

Seit einem Jahr gibt es an der Fachhochschule einen Studenten im Präsidium. Er hat ein eigenes Büro und bekommt rund acht Euro Stundenlohn. Er soll die Sicht der Studenten in der Hochschulleitung vertreten, er prüft Studienordnungen auf ihre Studierbarkeit und kümmert sich darum, dass bei Baumaßnahmen am FH-Campus die Bedürfnisse seiner Kommilitonen berücksichtigt werden.

Wie jedes andere Mitglied im Präsidium wurde Marcus Dreier vom Senat der Hochschule gewählt. Vorletzte Woche wurde er für eine zweite Amtszeit wiedergewählt. Vorgeschlagen hatte ihn der Präsident Eckehard Binas. Dreier war ihm aufgefallen, weil er bereits zuvor hochschulpolitisch aktiv war. Binas lobt seinen Vizepräsidenten als "engagiert, kompetent und gut vernetzt". Das Amt sei eine "Bereicherung für die ganze Hochschule". Für einen Hochschulleiter sind das ungewöhnliche Worte.

Statt für ihre Kommilitonen kämpften manche für Kaffeebauern in Nicaragua

Lange Zeit haben die Unis ihre Studenten nicht ernst genommen. Für Professoren und Präsidenten waren sie oft nur Matrikelnummern, durchlaufende Posten, die man belehrt und prüft und deren Belange ansonsten nicht interessieren. Eine reichlich bornierte Haltung, stellen die Studenten doch die größte Gruppe an den Hochschulen.

Allerdings haben sie selbst auch lange wenig dazu beigetragen, mehr gehört zu werden. Bei den Wahlen zum Studierendenparlament und zum Asta liegt die Wahlbeteiligung nie bei mehr als 20 Prozent, oft ist sie sogar deutlich geringer. Diejenigen, die gewählt werden, werden nicht unbedingt als Repräsentanten der Studenten wahrgenommen. Zudem war das Bild der Studentenvertreter jahrzehntelang geprägt von fahnenschwingenden linken Funktionären, die sich mehr für ausgebeutete Kaffeebauern in Nicaragua einsetzten als für ihre Kommilitonen, die sich im Hörsaal auf den Treppenstufen drängten.

Letzteres änderte sich erst 2009 mit den großen Studentenprotesten gegen die Bachelor-Master-Reform. Die Politik drängte die Unis seinerzeit, bei den Studiengängen nachzubessern und dabei auch Studenten stärker in die Veränderungsprozesse miteinzubeziehen. Infolgedessen haben Studenten an den Hochschulen an Einfluss gewonnen, sie dürfen nun mehr mitbestimmen. "Studierende und Hochschulverwaltung sprechen unterschiedliche Sprachen. Da braucht es jemanden, der übersetzt", findet Marcus Dreier, der Vizepräsident aus Potsdam.

Studentische Vertreter sitzen nun in Senaten und Fakultätsräten, sie dürfen über die Berufung von Professoren mitentscheiden, sie sind bei der Akkreditierung von Studiengängen dabei und entscheiden über die Verwendung von Studienbeiträgen. Doch so weit wie die FH Potsdam, die einen Studenten in ihr Präsidium holte, gehen bislang nur wenige Hochschulen in Deutschland: die private Zeppelin-Universität Friedrichshafen, die Hochschule Eberswalde und die Universität Rostock.

Ob andere dem Modell folgen, hängt nicht nur von den einzelnen Hochschulen ab, sondern auch von den Hochschulgesetzen der Länder. Nicht überall ist ein Vize erlaubt. Im Saarland etwa kämpfen Studentenvertreter schon seit Längerem dafür, in Nordrhein-Westfalen könnte es bald so weit sein: Mit dem neuen Landeshochschulgesetz soll die Rolle der Studierenden in den Hochschulen aufgewertet werden, und sie sollen einen Platz im Präsidium bekommen. Man wolle damit die "innere Demokratie stärken", heißt es dazu aus dem Ministerium.