Yahya Hassan, Jahrgang 1995 © Morten Holtum

Yahya Hassan ist die literarische Sensation dieser Wochen in Dänemark. In weniger als drei Monaten wurden 100.000 Exemplare des Gedichtbandes verkauft, der seinen Namen Weiß auf Schwarz auf dem Umschlag trägt. Auf deutsche Verhältnisse übertragen, würde das ein Millionenpublikum bedeuten. Warum lesen und debattieren die Dänen seit Monaten die Lyrik eines "staatenlosen Palästinensers mit dänischem Pass" von gerade einmal 18 Jahren? Dass Gedichte einen Streit auslösen, der vom Feuilleton in die Nachrichtensendungen und Talkshows übergreift, kommt selten vor.

Eigentlich hat er diesen Streit nicht ausgelöst, sondern nur wieder entfacht: Die Rede ist von dem seit mehr als zehn Jahren andauernden Ringen Dänemarks mit seinem Status als Einwanderungsland, mit dem radikalen Islam und den Rechtspopulisten. Die Affäre um die Mohammed-Karikaturen, die 2005 in der Zeitung Jyllands Posten veröffentlicht wurden, hat diesen Streit auf die Frage zugespitzt, was man in einer multikulturellen, multireligiösen Gesellschaft wie der dänischen noch sagen dürfe. Der Streit war, wie Yahya Hassans Gedichtband nun der dänischen Öffentlichkeit zeigt, nur abgeebbt, aber nicht beigelegt.

Rechte Politiker zitieren Hassans wütende Anklagen, sein eigenes Herkunftsmilieu sei verroht, als würden sie beweisen, was sie immer schon gesagt haben: dass diese Leute nicht nach Dänemark passen. Linke wiederum warnen vor Hassans Dichtung, eben weil sie der anderen Seite als Beleg für die Wahrheit ihrer xenophoben und islamfeindlichen Positionen diene. Unterdessen hat der derart instrumentalisierte Dichter so viele Todesdrohungen aus dem islamistischen Milieu erhalten, dass er im Versteck lebt und in der Öffentlichkeit immer von zwei Personenschützern begleitet wird – was wiederum vor allem die Rechte als Bestätigung ihrer Warnungen vor dem Islam verbucht.

Überrascht ist Yahya Hassan von dem Rummel keineswegs. Er habe schon sein ganzes Leben in bedrängter Betreuung verbracht, gibt er mit einiger Abgebrühtheit zu verstehen, nun seien an die Stelle des schlagenden Vaters, der Sonderpädagogen, Jugendfürsorger und Gefängnispsychiater eben Sicherheitsbeamte getreten. Er verachte die Rechtspopulisten genauso wie die Islamisten – beides Extremisten, die Dänemark unerträglich machten und seine Lyrik läsen, als handele es sich um Debattenbeiträge.

In Interviews hat er gesagt, es könne nur besser werden in Dänemark, wenn alle Seiten ihre Ängste und Bedenken öffentlich äußern könnten. Aber Hassans Gedichte sind keine Stellungnahmen, auch wenn er die Enge, die Gewalt, die Korruption des eigenen Milieus scharf anprangert:

"Ich liebe Euch nicht Eltern ich hasse Euer Unglück / Ich hasse Eure Kopftücher und Eure Korane / Und Eure analphabetischen Propheten / Eure indoktrinierten Eltern / Ich hasse das Land das Eures war / Und das Land das unseres wurde / Das Land das nie Eures wird / Und das Land das nie unseres wird / Warum also flüsterst Du in das entzündete Ohr / Ich soll die Bäume betrachten? / Ich wollte Euer Glück in die Bäume hängen" .

Hassans Lyrik handelt von dem kriminellen Jugendlichen, der er selber war, von islamistischer Indoktrination in den Moscheen, von der Gewalt des Vaters gegen Frau und Kinder, von Sozialbetrug, Drogenhandel und der Heuchelei der wohlmeinenden liberalen Dänen, die das alles nicht sehen wollen. Man kann schon die Versuchung verstehen, diese Sammlung zu plündern, um das Unbehagen der Dänen an der Einwanderung zu füttern: Seht, das sagt einer von denen! Sie kommen als Flüchtlinge hierher, nutzen uns aus und verachten uns auch noch für unser Gutmenschentum!