Was macht einer, wenn er feststellen muss, dass sein Name nicht sein Name ist? Den Namen bekommt jeder Mensch nur einmal. Jeder begreift die Einmaligkeit seiner Person in dem Moment, da er den eigenen Namen sagen kann. Und das ist lange vor dem "Ich".

Wer anderen Namen gibt, hat große Macht: Adam gibt den Tieren in der Schöpfungsgeschichte ihren Namen. Der Name ist etwas Einmaliges. Einer, der zwei Namen hat, ist nicht zu beneiden.

Ich habe zwei Namen.

Den einen, den mir meine biologischen Eltern bei der Geburt gaben. Den anderen, den ich von jenen Eltern bekommen habe, die mich danach adoptiert und erzogen haben.

Was der Name verrät? Die soziale Herkunft, auch die Zeit, in der einer geboren wurde. Im Jahr 1976 – als ich geboren wurde – war "Alexander" in Mode. Alexander war der katholischen Verwandtschaft meiner Mutter allerdings nicht fromm genug. Deshalb gesellte man noch einen "Mathias" hinzu. Immerhin ein Apostel, der jedoch schreibt sich mit zwei t. Im Namen wird auch die religiöse Zugehörigkeit eines Menschen offenbar.

Der Name ist Identität. Bin ich jetzt ein anderer, weil ich nie bei jenem Namen gerufen wurde, den mir meine Mutter bei der Geburt gab? Hinter diesem anderen Namen verbirgt sich ein ganz anderes Leben. Eines, das meines hätte sein können, wenn meine leiblichen Eltern mich nicht zurückgelassen hätten. Jeder Tag meines Lebens wäre anders verlaufen, hätten mich die Menschen großgezogen, die mir den Geburtsnamen gaben.

So aber bin ich zwei: der, der ich heute bin. Und der, der ich hätte sein können. Vielleicht lebt irgendwo, in einer anderen Dimension, dieses andere Ich jetzt das Leben, das ich mir als zweite Identität vorstelle. Ich gebe zu, das sind philosophische Fragen, sie interessierten mich bisher mehr als die Frage nach meinen biologischen Eltern. Denn das Einzige, wozu sich die beiden imstande sahen, war, mich zu zeugen und mir einen Namen zu geben. Ich hatte all die Jahre kein spürbares Interesse, herauszufinden, wer sie sind.

Das hat sich nun plötzlich geändert. Vielleicht, weil die Jahre zur Neige gehen, in denen ich sie, falls sie noch leben, kennenlernen könnte. Sie müssten nun Mitte oder Ende sechzig sein.

Ich bin im rheinhessischen Dorf Wiesoppenheim aufgewachsen. Jeder ist dort, gefragt oder ungefragt, mit dem Leben der anderen vertraut. Der Name schafft hier den Kontext: Wer ist mit wem verwandt? Wer durch Heirat erst ins Dorf gekommen? Und wer gehört als "geborene Soundso" zu dieser oder jener Familie? Namen. Immer geht es um Namen.

Nur ich passte nicht dazu. Im Dorf war nicht zu verbergen, dass ich nicht das Kind meiner Eltern war. Als sie morgens zu zweit im Auto abfuhren und nachmittags mit einem Säugling zurückkehrten, erübrigte sich jede Möglichkeit, eine andere Geschichte zu erzählen als diese.

Ich selbst habe mit drei Jahren erfahren, dass ich adoptiert bin. Kinder können grausam sein, und so berichteten mir meine Eltern, dass schon der erste Tag im Kindergarten tränenreich endete. Die anderen Kinder hätten mich sofort auf die Tatsache hingewiesen, dass meine Eltern nicht meine "richtigen Eltern" seien. Damit war die Hackordnung klar: Wer echte Eltern hat, zählt mehr. Und zählt dazu.