Bernd Lucke macht kein Geheimnis daraus, dass die Regierung aus seiner Sicht überhaupt nichts von Wirtschaft versteht: Angela Merkels Sinn für ökonomische Zusammenhänge sei "äußerst begrenzt", wetterte der Sprecher der eurokritischen Alternative für Deutschland (AfD) im Bundestagswahlkampf, Finanzminister Wolfgang Schäuble habe die Krise in Europa "vollkommen falsch eingeschätzt".

Alle Deppen außer mir – in der AfD kommen solche Sprüche an. Lucke ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Hamburg, und er inszeniert sich gerne als Sachverwalter der ökonomischen Logik, der er im politischen Betrieb endlich Geltung verschaffen will. Mit dieser Strategie will er nun den Einzug ins Europäische Parlament schaffen.

Dabei nützt es ihm, dass die Euro-Rettungspolitik der Regierung tatsächlich nicht immer frei von Widersprüchen ist. Doch jetzt deutet ein Brief an Schäuble darauf hin, dass sich Lucke selbst in ökonomische Widersprüche verstrickt hat.

Es geht wieder einmal um Griechenland. Die griechische Regierung hatte sich verpflichtet, im Jahr 2013 erstmals einen Haushaltsüberschuss vor Zinsausgaben – einen sogenannten Primärüberschuss – zu erwirtschaften. Athen hat öffentlich verkündet, das Ziel erreicht zu haben, die Inspekteure der EU und des Internationalen Währungsfonds (IWF) haben das am 19. März bestätigt.

Am 2. April schreibt Lucke an Schäuble, dass die Angaben aus Athen und Brüssel "erstaunlicherweise" nicht mit jenen des europäischen Statistikamts Eurostat übereinstimmten. Die Statistiker hätten ein erhebliches Defizit im Primäretat errechnet – unter anderem weil die Griechen viel Geld für die Sanierung ihrer Banken ausgeben mussten.

Für die AfD ist die Diskrepanz ein Coup. Sie bestätigt alle Vorurteile: Die Griechen schummeln, und die Deutschen merken nichts. Habe die Troika etwa aus "aus kosmetischen Gründen" Nachsicht walten lassen, fragt Lucke und fordert Schäuble auf, "umgehend" für Klarheit zu sorgen. Schließlich sei Deutschland schon einmal "durch manipulierte Zahlen getäuscht" worden. Der Brief macht die Runde – und verfehlt seine Wirkung nicht. "Rechnet sich Griechenland wieder schön?", titelt die FAZ am 6. April. In Internetforen wird Lucke als großer Aufklärer gefeiert.

Dabei gibt es gar nichts aufzuklären. Die Zahlen der Statistiker unterscheiden sich von denen der Troika und der griechischen Regierung tatsächlich vor allem deshalb, weil die Griechen und ihre Inspekteure die Kosten der Bankenrekapitalisierung nicht berücksichtigt haben. Aber das ist kein Skandal, sondern im Kreditvertrag mit Griechenland so festgelegt. Die Methodik wird in den öffentlich zugänglichen vierteljährlichen Prüfberichten des IWF beschrieben und ist gängige Praxis beim Währungsfonds, der seit einem halben Jahrhundert Krisenländer auf der ganzen Welt mit Hilfskrediten stützt.