Hübsches Buch, um das es hier leider nur kurz gehen kann: die Anthologie Helden der Kindheit, 2013 in der Edition Büchergilde erschienen, ein Gemeinschaftsprojekt zahlreicher Gegenwartsautoren von David Wagner bis Thomas von Steinaecker. Zusammengetragen wurden Erinnerungen an die liebsten kindlichen Fiktions-Ikonen der Autoren, von Pippi Langstrumpf bis Ronja Räubertocher. Das klingt infantiler, als es sich in den reflexionsfreudigeren Essays des Bandes liest. Seltsam an der hingebungsvoll gestalteten Koproduktion fühlte sich bei ihrem Erscheinen höchstens an, dass einem für die letzten Jahre partout kein anderes derart engagiert betriebenes Schriftsteller-Sammelwerk einfallen wollte. Natürlich veröffentlichen einige Verlage gelegentlich Sammelbändchen zu potenziellen Massenthemen wie Sommer oder auch Winter. Natürlich gibt es eine lebendige Literaturzeitschriften-Szene und daneben einzelne verdienstvolle Sammlungsversuche wie Christoph Buchwalds Jahrbuch der Lyrik. Aber das sollte alles gewesen sein an veröffentlichten Autoren-Zusammenführungen der zehner Jahre? Was für ein Literaturjahrzehnt wäre das eigentlich, in dem die Autoren vor allem anlässlich der Grundsatzfrage Asterix oder Alf aufeinanderprallen?

Ähnliche Fragen müssen den Schriftsteller Jan Brandt umgetrieben haben. Für die Zeitschrift Neue Rundschau hat er Essays von Dutzenden seiner Kollegen zusammengetragen. Anstoß dazu war ein Gefühl des Mangels, vermisst habe er "die Auseinandersetzung, den Streit, den Diskurs unter Gleichgesinnten", wie Brandt eingangs berichtet. Als Auftaktmanöver führt er in einem eigenen Essay vor, wie avanciert die Diskussionskultur rund um Gegenwartsliteratur einmal sein konnte, indem er sich in das Jahr 1968 und damit sechs Jahre vor seine Geburt zurückversetzt. An den damaligen revolutionär gestimmten Positionsbestimmungen von Handke, Walser, Brinkmann und Enzensberger interessieren ihn besonders ihr Furor, ihre "radikalen Forderungen". Im Resultat fragt die Ausgabe schlicht nach möglichst viel Dringlichkeit: Verfasst wurden von über dreißig Autoren Manifeste für eine Literatur der Zukunft.

Nun ist 1968 auch literarisch lange her und alles Manifestöse längst verdächtig. Als Sprungbretter hin zu einer stärkeren Auseinandersetzung aber nützen die Fragen nach Engagement und Gesellschaft selbst dort, wo sie zurückgewiesen werden. Olga Martynova, Reinhard Jirgl und Thomas Stangl etwa – drei Autoren mit so unterschiedlichen Schreib- wie Systembiografien – unterminieren die Aufgabenstellung, wenn sie jeweils Lanzen für die Nichtindienstnahme der Literatur brechen. "Meine Nutzlosigkeit geb ich nicht her", sekundiert ihnen Angelika Meier. Forcierter sieht das Jörg Albrecht, der sich gegen das platte Erzählen von straight stories und den neoliberalen "Imperativ des Imperiums" ausspricht, der da schreiberisch laute: "Ich weiß, dass du keine einheitliche Geschichte haben kannst, aber du musst sie trotzdem erzählen können, du kleines Miststück!"

Derart vielsagende Grundspannungen durchziehen die gesamte Ausgabe. Als Rezensent, der gern auch einordnender Strömungsdiagnostiker sein möchte, schaut man darauf wie ein fasziniertes Kaninchen auf verblüffend viele Schlangen. So viele handfeste Einzelmeinungen auch vorgebracht werden, so wenig lässt sich die überbordende Meinungsfreude einfach in einzelne Schubladen wegsortieren. Generationen wie Stilschulen zählen wenig angesichts derart vieler überraschender Verbindungslinien zwischen den einzelnen Positionen. Sollte irgendjemand nach Indizien für die Lebendigkeit der Gegenwartsliteratur gefragt haben: Mit diesen Manifesten liegen sie auf dem Tisch.