Wer schon immer mal einen Jahrhundertroman schreiben wollte, hier gibt es den richtigen Stoff: Es ist die Geschichte der Familie Gurlitt, lauter Künstler, Komponisten, Architekten, Galeristen und Verleger, die stolz sind auf ihre Kunstbeflissenheit und die doch unversehens hineingezogen werden in die Kunstvernichtung, dem Führer zu Diensten. Von Hildebrand Gurlitt, der als Hitlers Handlanger eine Museumssammlung aufbaute, war in den letzten Monaten viel die Rede. Auch von Cornelius natürlich, der über Jahrzehnte den mächtigen Bilderschatz seiner Familie versteckt hielt. Von Cornelia Gurlitt hingegen hat bislang und sehr zu Unrecht kaum jemand gehört.

In der großen Familiensaga verdiente sie ein großes Kapitel: Als ältere Schwester von Hildebrand war sie in Dresden aufgewachsen, hatte früh Kunstunterricht bekommen und sich als eine der wenigen Künstlerinnen unter den männerbündlerischen Expressionisten einen Namen gemacht. Dennoch geriet ihr Werk bald in Vergessenheit, und erst jetzt wird es, dem Wirbel um den Schwabinger Kunstschatz sei Dank, wiederentdeckt. Selbst die New York Times berichtet ausführlich.

Seit einigen Jahren bereits beschäftigt sich der Sammler Hubert Portz, ein echter Kunstenthusiast, mit den Bildern von Cornelia Gurlitt. Er hat zahlreiche Zeichnungen und Lithografien zusammengetragen und präsentiert sie mit Werken von Lotte Wahle und Conrad Felixmüller nun in seinem kleinen Museum in der Pfalz, dem Kunsthaus Désirée in Hochstadt. Er hält Gurlitt für eine der wichtigsten deutschen Malerinnen der 1910er Jahre. Und tatsächlich kann man sich wundern, warum sie nicht längst viel bekannter ist.

Diese Künstlerin will keine süße Muse sein, auch nicht das malende Frauchen irgendeines Herrn Bankdirektors. Nein, die Kunst ist ihr ernst. Man sieht es ihren flackernden Bildern an, den kantigen, oft verzerrten Gestalten, dem Ingrimm, mit dem sie ihre Linien hart zu Papier bringt – hier drängt etwas heraus, hier verlangt die Kunst eine eigene, wühlende Bedeutung. Oft zeigt sie den verzweifelten, einsamen Menschen, die Hände vors Gesicht geschlagen. Es ist die Sorte Bilder, die später als "entartet" verbrannt werden. Und die ihr Bruder Hildebrand schützend zu retten versucht, während er zugleich dem Propagandaauftrag des Führers folgt.

Als der Erste Weltkrieg ausbricht, zieht Cornelia Gurlitt wie viele Künstler an die Front. Sie schießt nicht, doch kämpft sie auch einen Kampf, als Schwester im Lazarett in Litauen. Man sieht es ihren Bildern jener Jahre an: das Grauen, das ihr begegnet, die eigene Verlassenheit im Schein der Kerze. Ihrem Bruder Wilibald schreibt sie 1917: "Freud’ habe ich keine daran, aber ich muss malen, sonst reißt mich die Unruhe hin und her." Nach dem Krieg findet sie nicht wieder zurück, die Erinnerungen verfolgen sie. 1919 vergiftet sie sich. Ihr Vater, ein berühmter Bauhistoriker, war überzeugt: "Cornelia starb in Folge der Strapazen – und ihres Eifers als Malerin". Den Nachlass nimmt Hildebrand in seine Obhut. Manches verschenkt er an Familienmitglieder, das meiste hält er unter Verschluss.

Vielleicht liegt es auch daran, dass Cornelia Gurlitt bis heute fast vergessen ist. Ihre Werke wurden nicht gehandelt, kein öffentliches Museum konnte sie erwerben. Immerhin zwei Dutzend Bilder kann der Sammler Portz nun zeigen. Etliche weitere Werke befinden sich in dem Kunstschatz ihres Neffen Cornelius, unpubliziert, unbeachtet. Portz hatte ihm einen Brief geschrieben, ob er nicht mit Leihgaben die Ausstellung unterstützen wolle, doch erhielt er nie eine Antwort. Cornelia ist, so gesehen, ein Opfer von Cornelius’ Geheimniskrämerei, ein Opfer auch der NS-Händel ihres Bruders. Der Erste Weltkrieg nahm ihr die Lebenskraft, der Zweite jeden Nachruhm.