Von der Dachterrasse des Eden-Hochhauses blickt Natascha Bonnermann hinüber zum riesigen Mercedes-Stern, der sich seit den sechziger Jahren auf dem benachbarten Europa-Center dreht. "Der war damals als Gruß an die Genossen gemeint", sagt sie. "Was für ein Selbstbewusstsein der Westen hatte!"

Vor neun Jahren entdeckte Bonnermann im letzten Stock des Eden-Hauses durch Zufall die PanAm-Lounge, ein Penthouse mit 270-Grad-Blick über das Westberliner Zentrum, ursprünglich eingerichtet als Treffpunkt für die Crews der US-Fluglinie: ein perfekt konserviertes Relikt aus den Sechzigern, mit flaschengrün und ziegelrot gemusterten Tapeten, petrolblauen Sesseln in skandinavischem Design, Zimmerdecken aus Holzquadraten, die unterschiedlich tief in den Raum ragen. Lange vor dem Mauerfall war die Lounge ein Geheimtipp gewesen. Hier trafen sich die amerikanischen Gäste der Stadt mit wichtigen Berlinern. Rein wollte jeder, doch es durfte nur, wer eingeladen war. Der Lieblingsplatz des damaligen Berliner Oberbürgermeisters Willy Brandt war ein Sessel im kleinen Kaminzimmer, gleich neben dem offenen Feuer. Nach zehn Uhr abends soll stets ein blauer Dunstschleier im Raum gehangen haben, und alle Besucher seien sowieso betrunken gewesen. Man glaubt es sofort. Als das Zoo-Viertel das strahlende Zentrum West-Berlins war und die PanAm-Lounge einer der angesagtesten Orte der Stadt, waren Alkohol und Zigaretten schließlich noch nicht gesundheitsschädlich, die Zukunft war strahlend, der Fortschrittsglaube groß.

Bonnermann, eigentlich Schauspielerin, hat die Lounge vor ein paar Jahren wieder zugänglich gemacht, vermietet sie für Partys, zeigt sie Interessierten. "Zuerst traute ich mich nicht, Geld reinzustecken", sagt sie. "Die Gegend hier war so was von uncool! Ich fürchtete, niemand würde kommen." Gerade fällt die Abendsonne durch die riesigen Fenster der Etage und taucht das Sixties-Interieur in ein weiches Orange. Und Natascha Bonnermann, deren Wette auf die Lounge inzwischen erfolgreich war, fragt sich laut: "Wie konnte ich nur denken, dass die Gegend uncool ist?"

Dieser Artikel stammt aus der aktuellen Ausgabe der ZEIT, die Sie am Kiosk oder online erwerben können.

Etwas Ähnliches fragt sich momentan die ganze Stadt. Keine Berliner Zeitung, die die City West, das Zoo-Viertel, nicht neu entdeckt. Kaum ein Berliner, der in diesen Tagen keinen frischen Blick auf die Gegend um den Breitscheidplatz wirft. Ende 2012 machte hier das Luxushotel Waldorf Astoria auf, ein Jahr später der gründlich restaurierte Zoo-Palast. Und Anfang des Monats wurde, nach vierjährigen Bauarbeiten, das Bikini-Haus wiedereröffnet, ein lang gestrecktes Fifties-Gebäude gleich gegenüber der PanAm-Lounge. Die Stadt ist übersät mit Werbeplakaten für die Concept-Mall, die in das denkmalgeschützte Haus gezogen ist. Doch bevor man die betritt, steht man zunächst mal staunend vor dem Bau selbst, vor seiner feingliedrigen Silhouette, vor der eleganten Fassade aus Beton und Glas. Hätte man sich nicht vor zehn Jahren noch über einen Abriss des 200 Meter langen, sechsstöckigen Riegels gefreut? Das Bikini-Haus war vor seiner Renovierung für lange Zeit ein Berliner Un-Ort, ein Beispiel für den Niedergang des Westteils nach der Wende, als plötzlich alles und alle zur historischen Mitte strebten. Im Erdgeschoss fristeten Billigläden und schmuddelige Tattoostudios ihr Dasein, viele Geschäfte standen leer, ein alter Werbeschaukasten zeigte Harald Juhnke im gelben Pullunder vor einer krossen Pekingente – drinnen besaß sein Schwiegervater ein Chinarestaurant. Neuberliner und Touristen, die auf der Suche nach dem hippen Hauptstadtleben waren, ignorierten nicht nur das Bikini-Haus, sondern auch dessen nähere Umgebung. Wer trotzdem kam, dem musste das Zoo-Viertel vorkommen wie das lebende Symbol einer abgelebten Zeit: grau, dreckig und voller Existenzen, die noch an die frühen Tage von Christiane F. erinnerten.

Heute dagegen weht einen beim Blick aufs Bikini-Haus wieder etwas vom Geist seiner Entstehungszeit an, als es eines der modernsten Einkaufs- und Bürogebäude war. 1956 entstand es innerhalb von neun Monaten inmitten von Trümmern. Es war ein West-Berliner Pionierprojekt, der erste Teil eines größeren Ensembles, dessen einzelne Elemente noch heute eher locker als streng aufeinander bezogen sind. Linker Hand kam der Zoopalast hinzu, rechter Hand ein kleines Hochhaus schräg hinter dem Bikini, das seit Kurzem vom schicken 25-Hours-Hotel bespielt wird, jenseits dessen schließlich eine schlanke, flache Ladenpassage.

Dieses Gebäudeband direkt vor dem Zoologischen Garten, mit dem Bikini-Haus als Herzstück, war die architektonische Antwort des Westens auf die Monumentalbauten an der Stalinallee im Osten der Stadt, der heutigen Karl-Marx-Allee, die nach Maßgaben Moskaus damals schon errichtet worden waren. Die neuen Gebäude gegenüber der Gedächtniskirche sollten leicht und transparent sein, im Gegensatz zu den schweren Klötzen drüben. Deshalb hatte das erste von ihnen, das spätere Bikini-Haus, im zweiten Stock auch ein luftiges Open-Air-Zwischengeschoss, das den sechsstöckigen Bau in zwei teilte. Das erinnerte die Berliner an einen Bikini, daher der Name. In den späten Siebzigern wurde das offene Zwischengeschoss geschlossen, um Platz für eine Galerie zu haben. Heute ist die luftige Taille wieder sichtbar, wenn auch, mit Rücksicht auf die neue Shopping-Architektur, nicht mehr so freizügig angelegt wie beim Original.