Nur wenige Reflexe nerven mehr als das Niedermachen des Gastgeberlandes kurz vor dem Beginn eines sportlichen Großereignisses. Wir erinnern uns an die Häme, die auf Griechenland vor der Ausrichtung der Olympischen Sommerspiele niederprasselte, zehn Jahre ist das nun her: Oh Gott! Die Griechen werden mit nichts rechtzeitig fertig, hieß es damals. Was passierte? Die Spiele starteten pünktlich, Bewunderung trat an die Stelle der kollektiven Herablassung. Auch den Südafrikanern traute niemand wirklich zu, eine Weltmeisterschaft auszurichten. Horrorszenarien von mörderischen Banden wurden entworfen, die sich auf die Fußballfans werfen würden. Und was geschah? Alle Gäste kehrten unversehrt nach Hause zurück.

Nun steht das nächste sportliche Großereignis bevor: die Fußball-WM in Brasilien. Ob es wohl eine Nation gibt, die qualifizierter für die Austragung eines solchen Spektakels wäre? Bis vor Kurzem hätte niemand daran gezweifelt. Seit einigen Wochen jedoch bröckelt die Begeisterung – auch in Deutschland. Die ersten Fans bieten ihre so bitter erkämpften Tickets in Onlinebörsen für einen Bruchteil des Einkaufspreises an. Brasilien, heißt es jetzt, werde weder mit dem Bau der Stadien und Flughäfen fertig noch mit der Kriminalität. Und dieses Mal ist tatsächlich etwas dran. Der Flughafen in São Paulo wird wirklich nicht fertig.

Innerhalb weniger Monate wurde aus überschwänglicher Freude tiefe Angst. Was ist bloß passiert? Schüren die Medien mal wieder dieses typische Misstrauen gegenüber dem Gastgeber?

Hinter dem derzeitigen Stimmungswandel offenbart sich ein tiefer gehender Konflikt, dessen Ursprung nicht bei den Zuschauern zu suchen ist, sondern in Brasilien selbst. Dieses Land, das endlich im Konzert der großen Nationen mitspielen darf, vermasselt seinen Auftritt.

Im Gegensatz zu den fußballerischen Qualitäten Brasiliens (die man niemals unterschätzen sollte) wurde die wirtschaftliche und politische Entwicklung des Landes jahrelang überschätzt. Zur Überschätzung von außen kam die innere hinzu.

Neben Russland, Indien und China war Brasilien die erfolgversprechendste aller aufsteigenden Nationen. Zwischen 2000 und 2010 stieg das Wachstum durchschnittlich um fünf Prozent im Jahr. Stolz nahm Brasilien seinen Platz in der Vereinigung der aufstrebenden Volkswirtschaften, der Brics-Staaten ein. Brasilien genoss es, international gelobt zu werden. Das fünftgrößte Land der Welt schien die Probleme der Vergangenheit hinter sich gelassen zu haben. Wer muss schon hungern in einem Land, das auf eine der größten landwirtschaftlichen Nutzflächen und perfekte klimatische Bedingungen zurückgreifen kann? Freudestrahlend surfte die Regierung, angeführt von Präsidentin Dilma Rousseff, auf der Euphoriewelle und verdrängte, dass Brasilien mit einem jährlichen Pro-Kopf-Einkommen von 8.000 Dollar nur auf Platz 61 der Weltrangliste steht. Oder dass jüngst die Wirtschaft schwächelte.

Wenn man einmal in dem Land gelebt hat, weiß man, dass die Brasilianer alles dafür tun würden, von den USA und Europa respektiert zu werden. Sie fühlen sich – und das ist nachvollziehbar – von nichts stärker gedemütigt als von der Arroganz des Nordens. Daraus resultierte der brasilianische Selbstbetrug, gepaart mit dem einmaligen Talent, sich verkaufen zu können.

Doch sogar jetzt, wo der Selbstbetrug auffliegt, verstehen sich die Brasilianer in der Selbstvermarktung: Sie nutzen gezielt das Rampenlicht, um auf die Missstände aufmerksam zu machen, die aus der Hybris der Politik entstanden sind. In der vergangenen Woche etwa streikte die Polizei im WM-Austragungsort Salvador, um auf die schlechten Arbeitsbedingungen aufmerksam zu machen – 39 Menschen kamen bei den Unruhen ums Leben. Selbst der ehemalige Kapitän der brasilianischen Nationalmannschaft, Rai Souza, sagte in einem Interview in der Süddeutschen Zeitung: "Wir müssen vieles lösen, was sich jenseits des Fußballs abspielt und teilweise erst durch die WM offengelegt wurde."

Der Mut der Brasilianer verdient Bewunderung. Sie stemmen sich gegen die Verblendung der brasilianischen Politik. Wir sollten sie unterstützen, uns auf die WM freuen und unsere Reise antreten.