Die Europawahl steht vor der Tür, und die öffentliche Meinung über Brüssel ist nicht die beste. Viele Menschen verbinden mit Europa ausufernde Bürokratie und Entscheidungen hinter verschlossenen Türen. Aber wie wird in Brüssel wirklich regiert? Wer sind die großen Entscheider? Diesen Fragen sind Cerstin Gammelin und Raimund Löw in ihrem Buch Europas Strippenzieher nachgegangen. Gammelin war schon für die Financial Times Deutschland und die ZEIT tätig, heute arbeitet sie als Korrespondentin für die Süddeutsche Zeitung in Brüssel. Löw arbeitet seit 1985 für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk in Österreich und moderiert die Sendung Inside Brüssel .

Auf 384 Seiten wollen die Autoren Licht in das Dunkel europäischer Politik bringen. Dazu führten sie zahlreiche Interviews und Hintergrundgespräche mit Regierungschefs, Kommissaren und Beamten. Erstmalig bekamen sie auch Einblick in die sogenannten Antici-Protokolle, benannt nach einem italienischen Diplomaten. Das sind vertrauliche Wortlaut-Protokolle, die während der Gipfeltreffen der 28 EU-Staats- und Regierungschefs entstehen. Diese Gipfeltreffen werden von EU-Diplomaten gern als "europäische Gesprächstherapien" bezeichnet. Immerhin sei das "ein riesiger Fortschritt gegenüber früheren Zeiten, als sich die europäischen Nachbarn gegenseitig bekriegten und über den Zaun schossen". Grundsätzlich wird im Konsens entschieden, so weit die Theorie. Das Buch zeigt aber, dass es in der Realität oft anders aussieht. So wird ein zypriotischer Diplomat mit den Worten zitiert: "Griechenlandrettung ist, wenn Schäuble und Lagarde die Köpfe zusammenstecken und einen Plan machen, dem die anderen zustimmen müssen", das sei keine Gemeinschaft aus Gleichen.

Ein großer Teil des Buches beschreibt die Krisenjahre 2008 bis 2013. Die vertraulichen Dokumente offenbaren eindrucksvoll, wie dramatisch die Gipfel während der Euro-Krise abliefen und wie sich die Konflikte zwischen den Regierungschefs verschärften, wie Angela Merkel den Ton angab und sich ihre Kollegen "zu Statisten degradiert" fühlten. Der französische Präsident Sarkozy ärgerte sich, als sich Merkel einem gemeinsamen Banken-Rettungsfonds widersetzte: "Wissen Sie, was sie zu mir gesagt hat? Chacun sa merde! Jedem seine Scheiße", soll er abseits der Mikrofone gesagt haben. Die deutsche Grundhaltung wird deutlich, jedes Land ist für sich selbst verantwortlich. Aber auch die restlichen EU-Staaten hätten in der Krise nicht an einem Strang gezogen, "die Präsidenten und Premierminister und Kanzler benehmen sich wie Landesfürsten im 18. Jahrhundert", schreiben die Autoren. Jedes Land habe zuerst seine nationalen Banken retten wollen. Der anhaltende Egoismus der einzelnen Staaten habe dazu geführt, dass "der Euro bleibt, aber Europa bröckelt", schreiben Gammelin und Löw. Die Autoren zeigen auch, wie sich Angela Merkel in Europa den Ruf einer ausgeprägten Machtpolitikerin erworben hat, wie die Europäische Kommission zum Einfallstor für Lobbyisten wird und welche dubiosen Verträge mit der Tabaklobby geschlossen wurden. Aber: "Die Staats- und Regierungschefs sind die mächtigsten Lobbyisten in Europa", schreiben sie und liefern gute Beispiele wie das der Verhinderung strengerer Klimagas-Grenzwerte durch Merkel. Die Europäische Kommission sei nur die "Gesetzeswerkstatt" für die Mitgliedsstaaten. Alles, was in Brüssel beschlossen würde, basiere grundsätzlich auf Vorschlägen aus den Hauptstädten, stellen sie fest.

Das Buch ist mal sachlich, mal spannend wie ein Politthriller, teilweise auch amüsant, aber immer gut verständlich und kurzweilig. Durch die Gipfel-Protokolle kommt man Merkel, Hollande und ihren Kollegen so nahe wie nie zuvor. Das Projekt Europa mit all seinen Fehlern und Schwächen bekommt ein menschliches Gesicht. Die Autoren beschreiben die europäischen Entscheidungsprozesse durchaus kritisch, verfallen aber nicht in populistische Brüssel-Schelte. Sie liefern einen bestechend scharfen Blick auf die europäische Zeitgeschichte der vergangenen Jahre. Für jeden, der sich vor der Europawahl darüber informieren will, wie Verhandlungen in Brüssel wirklich ablaufen und wer in Europa das Sagen hat, ist dieses Buch sehr zu empfehlen.