Er ist wirklich so winzig, wie es heißt: Shanour Varenagh Aznavourian, besser bekannt unter dem Bühnennamen Charles Aznavour, einst Protegé von Edith Piaf, inzwischen neben Juliette Gréco der letzte lebende Vertreter des klassischen französischen Chansons. Aznavour kommt gerade vom Mittagessen, Zeit zum Ausruhen ist trotzdem nicht: Im Mai wird er noch einmal auf Europatournee gehen, die ihn für zwei Termine auch nach Deutschland führt. Zum Interview empfängt er in einer Hotelsuite mit Blick auf den Hafen von Marseille.

DIE ZEIT: Monsieur Aznavour, am 22. Mai, Ihrem 90. Geburtstag, werden Sie in Berlin auf der Bühne stehen. Wollten Sie sich nicht zu Hause feiern lassen?

Charles Aznavour: Ich feiere meine Geburtstage schon lange nicht mehr. An der Vorstellung, wieder ein Jahr älter geworden zu sein, kann ich nichts Erfreuliches finden. Als ich 50 wurde, habe ich mir geschworen, dass ich erst wieder damit anfange, wenn ich 100 bin.

ZEIT: Wäre das Olympia in Paris nicht die standesgemäßere Wahl gewesen?

Aznavour: Über solche Dinge zerbreche ich mir nicht den Kopf. Natürlich liebe ich die kleineren, intimeren Theater, man kann dort eine Nähe zum Publikum aufbauen, die in den großen Hallen verloren geht. Aber ich muss meine Musiker bezahlen, und das geht nur, wenn man professionell arbeitet. Insofern ist eine Stadt für mich wie die andere.

ZEIT: In Deutschland wird über die Rente mit 63 diskutiert. Die haben Sie inzwischen um ein Vierteljahrhundert verpasst. Was treibt Sie an?

Aznavour: Ich kenne es nicht anders. Schon als Kind stand ich auf der Bühne, damals musste ich meine Familie unterstützen. So ist es dann einfach weitergegangen, von einer Station zur nächsten, man kriegt irgendwann gar nicht mehr richtig mit, wie die Jahre vergehen. Vielleicht klingt es pathetisch, aber die Bühne ist mein Zuhause. Ich sage mir immer: Solange die Leute kommen, um mich zu sehen, muss irgendwas an mir dran sein.

ZEIT: Das ist stark untertrieben. Sie werden auf der ganzen Welt gefeiert, man hat Sie mit Ehrungen überhäuft, im Time Magazine wurden Sie sogar zum "Entertainer des Jahrhunderts" gewählt, vor Frank Sinatra und Elvis.

Aznavour: Sie meinen diese Umfrage von 1999? Die zählt nicht, der Titel hat gerade mal ein paar Monate gehalten, dann war das Jahrhundert auch schon vorbei! Solche Dinge bereiten mir Vergnügen und lassen mich zugleich kalt. "Entertainer des Jahrhunderts" ... Warum nicht "Chirurg des Jahrhunderts"? Oder "Kellner des Jahrhunderts"? Aber es stimmt: Im Ausland wurde ich immer freundlicher behandelt als zu Hause. Deutschland, Italien, England, Polen, Russland – es gab eine Menge anderer Länder, mit denen ich mich trösten konnte. Und natürlich Amerika, der Broadway, sie haben wunderbare Formulierungen dort! Einer hat mal geschrieben: Charles Aznavour macht sich schneller Freunde als Charles de Gaulle sich Feinde machen kann. Das hat mir aber nicht gefallen. Ich mochte de Gaulle nämlich.

ZEIT: Ist das noch Charles Aznavour, der vors Publikum tritt, oder ist das schon eine französische Institution wie die Baguette, der Beaujolais oder der Eiffelturm?

Aznavour:(lacht) Na, ich glaube schon, dass ich’s noch bin. Aber was heißt Institution? Ich will Ihnen etwas verraten: Immer nur auf den großen Erfolgen herumzureiten bringt nichts. Man muss sich ständig weiterentwickeln, überraschend bleiben, manchmal vielleicht sogar ein bisschen verletzend. Man muss seinem Publikum entgegengehen, aber man darf ihm nie nur das geben, was es erwartet. Sonst schlafen die Leute einem noch ein.

ZEIT: In Ihrer Autobiografie schreiben Sie, das Leben auf der Bühne sei mit Blessuren, Tritten in den Hintern und geplatzten Träumen verbunden.

Aznavour: Weil es so war! Wenn man nicht hart im Nehmen ist, braucht man gar nicht erst anzufangen. Was haben sie in den ersten Jahren auf mir herumgehackt, die Kritiker; ich wurde nicht im Radio gespielt, musste in Restaurants und Kinos auftreten und wurde mit jeder Tour, die ich begann, von Neuem verrissen. Es hat lange gedauert, bis ich den Kopf erheben konnte, aber ich habe ihn erhoben. Zum Glück ist es am Ende immer das Publikum, das zählt.

ZEIT: Was hat den französischen Kritikern nicht gefallen an Ihnen?

Aznavour: Das frage ich mich bis heute. Es muss etwas mit meiner Körpergröße zu tun haben, meiner Stimme, den Sachen, die ich sang. Vielleicht auch damit, dass wir Einwanderer aus Armenien waren. Meine Stimme klingt nicht typisch französisch, sie klingt mediterran, ein bisschen rau. Es ist etwas von einem Muezzin drin und etwas von einem Kantor, auch etwas Persisches und Nordafrikanisches. Eine Stimme, die in sich gebrochen ist, vielleicht hat ihnen das nicht behagt. Andererseits: So hatte ich schnell eine jüdische und muslimische Gefolgschaft. Sie erkannten in mir etwas Vertrautes, etwas das zu ihnen gehört.

ZEIT: Fühlen Sie sich denn heute als Franzose?

Aznavour: Voll und ganz, wenn auch auf meine Weise. Die Pariser mit ihrer Hochnäsigkeit mag ich bis heute nicht, da ist eine armenische Seite in mir, die einfach anders tickt. Aber es gibt so viele verschiedene Arten, sich mit Frankreich verbunden zu fühlen. Ich nuschle französisch. Und ich schimpfe französisch. Ich habe ein französisches Mundwerk.