Langsam zoomt die Kamera an die Gestalt heran. Eingetaucht in künstlichem Nebel, eine obskure Lichtquelle hinter sich, ist sie nur als schmale Silhouette zu erkennen – ein Mann oder eine Frau? Über an The Velvet Underground erinnernden Basslinien und Gitarrenakkorden steigen die Sirenenklänge eines EMS-Synthesizers auf, das Schlagzeug puckert, als gäbe es kein Gestern, kein Heute, kein Morgen. Nun ist das Gesicht erkennbar, es scheint männlich-kantig, doch wie passt das zu dem tief dekolletierten T-Shirt? Erst als die Stimme einsetzt, sieht man: Der hagere Wanderer im Nebelmeer ist kein anderer als David Bowie, jener androgyne Dandy der Popmusik, der in den 1960er und 70er Jahren maßgeblich daran beteiligt war, das zu vollenden, was die Beatles mit Sgt. Peppers Lonely Hearts Club Band (1967) begonnen hatten: die Synthese von Pop und Avantgarde, Kunst und Entertainment.

Wir befinden uns in der Anfangssequenz des Musikvideos zu einem von Bowies bekanntesten Songs, Heroes (1977). Die Inspiration für den Songtext, so will es eine von vielen konkurrierenden Legenden, stammt von Otto Muellers Gemälde Liebespaar zwischen Gartenmauern (1916) aus dem Berliner Brücke Museum, das Bowie und sein Kollege Iggy Pop während ihrer Zeit in Berlin 1976–78 des Öfteren besuchten.

Dass einem von Bowies größten Hits ausgerechnet eine alte Kamelle des deutschen Expressionismus zugrunde liegen soll, ist bezeichnend für die Ästhetik des 1947 in England geborenen Musikers, Schauspielers, Malers, Lebenskünstlers. Wie wenige andere vor ihm bezieht er seine Einflüsse aus einem heterogenen und mittlerweile unüberschaubaren Konvolut von historischen und zeitgenössischen Quellen – und liefert damit die Blaupause selbst für heutige Hip-Hop-Stars wie Kanye West, der sich im Louvre inspirieren lässt, Le Corbusier seinen Einflüsterer nennt und Plattencover von den Künstlern Takashi Murakami und George Condo gestalten ließ. Bowie wiederum begann früh, expressionistische Kunst zu sammeln, betätigte sich selbst als bildender Künstler mit Gemälden, Zeichnungen, Skulpturen und Fotografien, ist geprägt von subkulturellen Grenzgängern wie William Burroughs, aber auch von smarten Business-Künstlern wie Damien Hirst, floh immer wieder vor dem Mainstream und lizenzierte andererseits seine Songs für Werbezwecke an Konzerne. Auf sein schrilles Glam-Image angesprochen, berief er sich auf Dada und bezeichnete sich als "avantgarde explorer".

So trug er mit dazu bei, dass der Mainstream heute eine Art Super-Subkultur oder ein Tummelplatz der Freak-Aristokratie ist. Manche mögen darin Beliebigkeit und bloß symbolische Feigenblatt-Differenz erkennen. Andere eine Ästhetik-Ethik der Offenheit und Nicht-Ausschließlichkeit. Jedenfalls ist die moderne und postmoderne bildende Kunst als "Werkstatt und Schule vollendeter Pluralität, des Nebeneinander hochgradig differenter Gestaltungen" (Wolfgang Welsch) einer der roten Fäden, die das prekäre Gewebe des Mythos David Bowie zusammenhalten. Das erstreckt sich vom Japonismus und der Art nouveau der Jahrhundertwende bis hin zum letzten Musikvideo zu Where Are We Now? (2013), das der Postpunk-Medienkünstler Tony Oursler gestaltete.

Immer wieder ist die Rede davon, Bowie habe sich ständig "verwandelt", so auch im Katalog zur Berliner Ausstellung David Bowie. Doch dieser Begriff ist viel zu stark, viel zu emphatisch, um das, was Bowie auszeichnet, wirklich zu erfassen. Zwar durchlief Bowie diverse Werkphasen, die sich wunderbar periodisieren lassen: erst als queerer Glamrocker und Outer-Space-Futurist mit seiner Kunstfigur Ziggy Stardust, dann als gegenläufige, irritierend neoklassizistische Kunstfigur namens Thin White Duke und immer so weiter. Doch während beispielsweise Pablo Picasso durch alle seine Wendungen hindurch ein moderner Macho und der Herr im Kunsthause blieb, hat Bowie – durchaus machtbewusst und strategisch – mit Geschlechterrollen gespielt, hat sich eher inszeniert als identifiziert, hat bewusst das Sein als Schein ausgewiesen, hat den Widerspruch kultiviert, war aber vor allem eine Art Kanalarbeiter, der Bereiche verband, die traditionell kaum etwas miteinander zu tun hatten. Dementsprechend heißt es auch im Berliner Katalog: "Er [Bowie] schafft eine Verbindung zwischen Andy Warhol, Bertolt Brecht, William Blake, Charlie Chaplin, Salvador Dalí, Marlene Dietrich, Philipp Glass, Nietzsche, Hollywood, Grafikdesign, Plateauschuhen, Film, Musik, Berlin, New York, London, Alexander McQueen, den Olympischen Spielen 2012 in London, Jim Henson, der Mondlandung, Kansai Yamamoto, Kate Moss und Marshall McLuhan."

Entscheidend ist das Wort "Verbindung". Anti-Essenzialisten wie Bowie ist es mit zu verdanken, dass Avantgarde heute nicht mehr mit Puristen und gipfelstürmerischen Kulturhelden gleichgesetzt werden muss, sondern auch intelligente Vermittlung und Verquickung bedeuten kann. Avantgarde à la Bowie impliziert darüber hinaus eine Ästhetik der Existenz, die die Person des Künstlers nicht gottgleich über die Welt der Artefakte erhebt – "er beherrscht seine Technik" –, sondern sie als Teil derselben erscheinen lässt. So sagte Bowie einmal, dass er "Musik dreidimensional" machen wolle, dass sie einen "Körper" habe, dass sie aber ohne adäquaten "Lifestyle" eigentlich nichts sei. Da ist sie wieder, die Ineinssetzung von Kunst und Leben, die viele avantgardistische Künstler der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts forciert hatten – bei Bowie ist sie jedoch abgefedert durch die alles nivellierende, aber auch pazifizierende Kraft der Kulturindustrie, in welcher der Produzent immer auch Produkt ist.