Der Körper der Künstlerin ist eigentlich ein Thema der Popwelt – hier werden die Magersucht Lady Gagas oder die massigen Formen von Gossip-Sängerin Beth Ditto diskutiert. Wider aller Erwartung ist aber auch einer Disziplin, die sich selbst als intellektuell versteht, nämlich dem zeitgenössischen konzeptuellen Tanz, nicht egal, ob eine Künstlerin dick oder dünn, kurz oder lang ist. Das zeigt sich am Beispiel der österreichischen Tänzerin und Choreografin Doris Uhlich. Die 1977 in Oberösterreich Geborene ist zum einen eines der Aushängeschilder der zeitgenössischen österreichischen Tanzszene: von Theater der Zeit schon 2009 als "eine der interessantesten Wiener Nachwuchs-Tanzkünstlerinnen" geadelt, von der Zeitschrift Tanz 2011 zur "Tänzerin des Jahres" gewählt. Aber, erzählt Uhlich, es gebe noch andere Stempel, die ihr aufgedrückt würden. In Rezensionen wird sie notorisch als "korpulent", "üppig" oder anderswie als nicht der Norm entsprechend kenntlich gemacht. Manchmal sei ja "gerechtfertigt, dass man beschreibt, wie ich aussehe, in meiner rundlicheren Form", stellt sie fest. "Aber es gibt Projekte, wo es darum gar nicht geht."

Tatsächlich geht es in Uhlichs Projekten um sehr unterschiedliche Themen. Sie hat viel mit Laien gearbeitet, aber auch mit Tanzprofis; mit ihrer Mutter (in Uhlich) genauso wie mit ehemaligen Balletttänzerinnen und -tänzern (in Come Back). Manchmal ist sie selbst Teil ihrer Stücke und mal nicht, manchmal gibt es viel Text, manchmal weniger. 2009 hat sie als Reaktion auf die fragwürdige Sonderbehandlung ihres Körpers das Stück Mehr als genug choreografiert. Darin fragt sie sich selbst wie ihre Gäste nach dem Begriff "schön" und dessen Bedeutung im Tanz. Ein Telefon spielt eine nicht unwichtige Rolle in dieser Arbeit: "Ich rufe dich an, weil ich dick bin ...", spricht die Performerin da zum Beispiel hinein oder fragt, ob ihr Gesprächspartner seine Glatze gegen Haare eintauschen würde, sollte gerade ein Magier zur Hand sein. Schließlich führt sie etwas auf, das in der Wiener Tanzszene mittlerweile geradezu ikonografische Bedeutung erlangt hat und bisweilen sogar ohne das restliche Stück gezeigt wird: den Pudertanz. Uhlich bestreut darin ihren bis auf ein Paar High Heels völlig nackten Körper mit Babypuder und lässt dann zu Vivaldis Winter ihr Fett wackeln und den Puder in Wolken aufwirbeln. Eine barocke Feier des Körpers, des Lebens. Und, wie sie selbst bei einer anderen Feier des Lebens, bei einem Kaffee in einem Wiener Kaffeehaus, sagt: ihre Antwort auf die Fragestellung des Stückes. "Das ist für mich schön. Das ist mein schöner Körper, ich inszeniere ihn und lasse mein Fett tanzen."

In diesem Pudertanz hat zum einen die von Uhlich kreierte Fetttanztechnik ihren Ausgang genommen, die so einfach erklärt ist, wie man sich das vorstellt: Das Fett tanzt. Zum anderen hat die Choreografin begonnen, Nackttanzworkshops zu geben. Was sie dabei herausfinden wollte: "Was ist das, wenn man wieder weich wird im Körper? Was bedeutet es, das Schwabbelnde zu suchen, statt immer nur das Stählerne? Nicht, weil wir das Schlanke nicht wollen – sondern einfach, weil es uns interessiert, weil wir Spaß daran entdeckt haben." Sich beleidigt abzuwenden und auf die bösen modernen Körpernormierungen zu schimpfen ist ihre Sache nicht. Sie sucht lieber nach jener entwaffnenden Freude am Körper, mit der sich derlei Reglementierungen ins Gesicht lachen lässt. In letzter Konsequenz ist aus ihrer Suche nach dem "Schwabbelnden" das Stück more than naked entstanden, das im Sommer letzten Jahres beim Wiener Impulstanzfestival uraufgeführt wurde – mit überaus begeisterten, ja nahezu euphorischen Publikumsreaktionen. Das liegt nicht unbedingt daran, dass auf der Bühne zwanzig nackte junge Tänzerinnen und Tänzer zu sehen sind. Denn was sie dort zeigen, hat mit Sexualität oder Porno nur im Entferntesten zu tun. Eher erinnert, was die Tänzer dort machen, an eine phänomenologische Studie: Sie lassen ihr Fleisch wabbeln, schnalzen, klatschen und zittern oder springen sich in akrobatisch anmutenden Szenen wechselseitig an. Bisweilen wirkt es fast, als würden Kinder neugierig (und sehr tatkräftig) fragen, was das denn ist: ein Körper. Uhlich, die (auch nicht mehr vollständig bekleidet) am hinteren Bühnenrand hinter einem DJ-Pult steht, legt dazu klassische Tanzmusik auf: Daft Punk zum Beispiel oder die Red Hot Chili Peppers. Das Ensemble tanzt dazu so befreit, als gäbe es kein Morgen. "Das ist keine Spargesellschaft", sagt Uhlich. "Ich lade die Tänzer in dem Moment ein, alles zu geben und nicht an die Zukunft zu denken. Wir sind ja – nicht nur als Tänzer – darauf trainiert, sehr zukunftsorientiert zu denken. Man spart die Kraft auf, weil man in zwei Stunden dieses und in drei Stunden jenes machen muss. Ich habe gesagt: ›Nimm die Gegenwart einmal wirklich wörtlich; gibt alles, was du hast. Und spar nicht.‹"