Ein Zitat: "Lichtenberg hat wohl aus eigener Erfahrung die Einsicht geschöpft, dass man nicht an Gespenster glauben müsse, um sich vor ihnen zu fürchten." Das Zitat stammt von Theodor Reik, einem Psychoanalytiker der ersten Stunde, und entnommen habe ich es einem erstaunlichen Buch: Unter Teufeln. Literarische Bilder. Mit Bildern von Jonathan Meese . Herausgegeben hat es Eva-Maria Alves.

Was will uns Reik damit sagen? Ich tippe darauf, dass er die Furcht für so grundlegend hält, dass sie stärker ist als der rationale Common Sense, für den es keine Gespenster gibt. Dem Anlass entsprechend, übersetze ich Reiks Maxime in die Behauptung, dass man an den Teufel nicht glauben muss, um sich vor ihm zu fürchten, und das mit Recht.

Vom Vorwort der Herausgeberin kann man lernen, was der Teufel ist: Er ist eine Projektion. Um mit allen Übeln, die in einem selbst stecken, fertigzuwerden, ohne dabei an Zerknirschung kaputtzugehen, projiziert man das Böse lieber in den gespenstischen, dämonischen, fast allmächtigen Teufel. Der Teufel ist "die Personifikation des Bösen", mit der schon die Kinder vertraut gemacht werden. Es ist der Teufel, der dem Kasperl und der guten Gretel nachstellt. Aber er ist nicht allein: "Der Teufel, der mit den roten Hörnchen auf der Stirn und dem schief geschnitzten hämischen Grinsen, hat als Kumpel das großmäulige, scharfzahnige Krokodil und den brutalen Räuber." Er ist also in schlechter Gesellschaft.

In dem Teufelsbuch steht eine Geschichte von Oscar Wilde. Aus ihr beziehe ich eine Ansicht darüber, was der Teufel sonst noch ist: Der Teufel ist ein Prinzip. Wenn man eine Haltung oder eine Tat damit quittiert, dass sie "teuflisch" sei, bringt man das Prinzipielle des Teufels ja zum Ausdruck. In Die Versuchung des Eremiten erzählt Wilde vom Teufel, der beim Durchqueren einer Wüste ein paar Dämonen traf. Sie quälten einen frommen Eremiten mit Fantasien von den sieben Todsünden. Der Eremit hielt ohne Weiteres stand. Also musste der Teufel den Dilettanten zeigen, was Sache ist. Er flüsterte dem heiligen Mann ins Ohr: "Dein Bruder ist zum Bischof von Alexandria ernannt worden." Sogleich verfinsterte hässlicher Neid das heitere Antlitz des Eremiten.

So macht man das. Gerade die Eitelkeit des Frommen, der Frömmste zu sein, bringt die Wende. Der Teufel ist außerdem noch eine Metapher, also ein Bild aus Sprache, mit dem Zweck, die gewöhnliche Kommunikation zu transzendieren und dem Unerhörten befreienden Ausdruck und Gehör zu verschaffen. Verdammnis heißt ein Liebesgedicht von Else Lasker-Schüler. Die Liebe gedeiht hier nicht zum Glück, sondern zu einer dieser höllischen Abhängigkeiten, über die man nur sagen kann: "Weh Deinem Schicksal und dem meinen, / Das sich im Zeichen böser Sterne traf."

Schön ist das Insel-Buch, enthält es doch wunderbare, von Jonathan Meese gezeichnete Teufel, aber auch ein Gedicht von Heinrich Heine, aus dem in bemerkenswerter Weise hervorgeht, dass der Teufel gar niemand Besonderer ist. Er ist nicht gerade ein Mensch wie du und ich, aber er ist ein alter Bekannter, etwas müde, aber halbwegs charmant.