Eigentlich gibt es schon genug Festivals." Wenn ein Festivalmacher diesen Satz sagt, muss er schon eine gewisse Ehrlichkeit besitzen. "Und andererseits gibt es nie genug Festivals!", sagt Matthias Helwig. Wir sitzen im Foyer des Kinos Breitwand in Starnberg und sprechen über all die Filme, die nie den Weg in die deutschen Kinos finden – weil sie zu speziell oder zu gewagt sind, zu sperrig, zu lang, zu kompliziert, zu klein, zu dick oder zu dünn.

Für solche Filme, die er zum Beispiel auf der Filmbiennale von Venedig oder auf dem Festival in Istanbul entdeckt, hat der Kinobetreiber Helwig das Fünf-Seen-Festival gegründet. Etwa für Yumurta – Ei, den ersten Film von Semih Kaplanoğlu. Vor vier Jahren gewann der türkische Regisseur mit seinem Film Bal – Honig den Goldenen Bären der Berlinale. 2007, als Kaplanoğlu noch ein unbekannter Debütant war, lief Yumurta unter anderem in einer Nebenreihe des Festivals von Cannes. Es ist ein leiser, eindrücklicher, auf nüchterne Weise poetischer Film über einen Mann, der nach dem Tod seiner Mutter für eine Opferzeremonie in sein türkisches Heimatdorf zurückgeht. Ein deutscher Verleih fand sich nicht. Also zeigte Helwig Yumurta auf der zweiten Ausgabe seines Fünf-Seen-Festivals. "Man muss ein Event schaffen", sagt er, "für die Leute in der Region. Damit sie in Filme gehen, für die es keine Werbung gibt und die sie sonst nicht sehen würden."

Das Event heißt: Fünf Kinos und diverse Open-Air-Leinwände an den Gewässern des Fünf-Seen-Landes: Starnberger See, Ammersee, Pilsener See, Wesslinger See, Wörthsee. Seit acht Jahren findet das Festival statt, jeweils zwei Wochen lang, von Ende Juli bis Anfang August. Es ist eine einzigartige Mischung aus Filmkunst und Biergarten, Sommerflirren und Feriengefühlen.

Ein idealer Fünf-Seen-Tag sieht ungefähr so aus: am Nachmittag baden im Starnberger See. Fahrt nach Seefeld. Abendessen im Biergarten des Schlosses. Filmvorführung im Kino Breitwand in Schloss Seefeld. Und dann, weil der Abend so schön lau ist, vielleicht noch ein Film im Open-Air-Kino in Starnberg. Rund siebzig Filme und dreißig Kurzfilme laufen auf dem kommenden Festival, in drei Wettbewerben konkurrieren Spielfilme, Dokumentarfilme und in der Reihe "Horizonte" Filme, die sich dem Thema Menschenrechte widmen. Und obwohl er selten Fernsehfilme zeige, sagt Helwig, sei es natürlich keine Frage, dass auf seinem Festival Dominik Grafs neuer Heimatkrimi laufe. Gedreht wurde er in Starnberg, das sich angesichts des Titels wenig Hoffnung machen kann, jemals seinen Ruf als Luxusnest der Einkommensmillionäre loszuwerden: Die reichen Leichen.

Als bei der zweiten Festivalausgabe der Kameramann Michael Ballhaus zu Gast war, habe er plötzlich gemerkt, was so ein Name bewirke, sagt Helwig. "Da war plötzlich eine andere Aufmerksamkeit und die Idee eines anderen Flairs." Seitdem kamen Volker Schlöndorff und Armin Mueller-Stahl als Ehrengäste zum Festival, im vergangenen Jahr waren es die Schauspielerin Corinna Harfouch und der Drehbuchautor Wolfgang Kohlhaase. In diesem Jahr wird es Wim Wenders sein, dem die Retrospektive gewidmet ist. Es hat etwas Verführerisches, sich vorzustellen, wie die spätsommerliche Melancholie seines Roadmovies Alice in den Städten (1974) bei einem See-Spaziergang nachhallt.

Das Fünf-Seen-Festival hat übrigens eine der schönsten Filmpartys der Welt: Sie findet auf einem Dampfer statt, der über den Starnberger See fährt, mit einer eigens aufgebauten Kinoleinwand auf Deck. Und wenn man, wie im vergangenen Jahr, mit einem Glas Weißwein im Liegestuhl sitzt, über das spiegelglatte Wasser auf die Alpen blickt und zum leisen Stampfen des Schiffes in einem wahrhaften Technicolor-Sonnenuntergang versinkt, während der Starnberger Bürgermeister in seiner Rede über das Verhältnis von Bahngleisen und Seeufer spricht und über die Seepromenade als Wille und als Vorstellung, dann fragt man sich einen Augenblick, warum man eigentlich nach Cannes fährt.

Fünf-Seen-Filmfestival: Vom 23. Juni bis 3. August, www.fsff.de