Technik altert. Eine erfolgreiche Hamburger Rockband nennt sich Tonbandgerät. Die zwei Burschen und die beiden Mädels sind Mitte zwanzig. Als sie geboren wurden, waren Tonbandgeräte längst nicht mehr in Gebrauch. Danach waren Kassettenspieler beliebt, und wer heute noch Kassetten besitzt, wird es nicht leicht haben, Geräte dafür zu finden. Im Keller des Normalkonsumenten liegt die Super-8-Kamera neben dem Walkman, das Kofferradio steht neben dem Röhrenfernseher, das Tonbandgerät neben dem Plattenspieler. Ganz zu schweigen von dem ausrangierten Computerzeug, das einst zum neuesten Stand der Technik zählte und binnen Kurzem veraltet war.

Kann man sich vorstellen, dass sich eine Musikgruppe in Zukunft "Verbrennungsmotor" oder "Staubsauger" nennt? In einem dritten Programm wurden neulich staubsaugende Roboter getestet. Das Ergebnis war erbärmlich – noch. Aber dass die Geräte auf einem Tisch herumfuhrwerkten, ohne hinabzufallen, beeindruckte. Irgendwann werden wir Schaufel und Besen wegwerfen, den Miele-Sauger hinterher, werden die Wohnung verlassen und bei unserer Rückkehr ein Wunder erleben.

"Überhaupt hat der Fortschritt das an sich, daß er viel größer ausschaut, als er wirklich ist", hat Nestroy gesagt, und das stimmt, wenn wir uns die gute alte Mechanik angucken. Was ist das Fahrrad doch für eine geniale Konstruktion! Seit mehr als hundert Jahren ist sie im Prinzip unverändert. Und erst der Hammer! Wie der funktioniert, begreift jedes Kind, und wer Kinder beim Spielen beobachtet, gewinnt leicht den Eindruck, ein jedes erfinde den Hammer von Neuem.

Beim Gebrauch des Hammers bleiben Tränen nicht immer aus. Doch wer redet von den Tränen, die der einstmals stolze Besitzer eines Tonbandgerätes im Stillen vergießt, wenn er die sorgfältig beschrifteten Spulen auf dem Regal betrachtet und sich an die ersten eigenen Hörspiele mit Halleffekt erinnert?

Das Memento mori, das einst eine ganze Kultur bestimmte, sollte dem Menschen bewusst machen, dass er aus dem Staub komme und wieder zu Staub werde. Das hat sich geändert. Es ist die Technik, die immer schneller verstaubt. Der Mensch hingegen wird immer älter. Eines Tages wird er überhaupt nicht mehr sterben. Das ist auch gut so, denn jemand muss ja den Gebrauch der neuesten technischen Errungenschaften erlernen, was leicht länger dauert als ein ganzes Leben.

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