Der französische Präsident François Hollande bleibt sich treu. Er regiert mit Worten und personellen Rochaden, aber nicht mit groß angelegten Reformprogrammen. Dabei hätte er in diesen Tagen die Chance für einen Neubeginn. Nach zwei Jahren glückloser Amtszeit, die seiner Partei bei den Kommunalwahlen im März eine katastrophale Niederlage bescherten, reagierte Hollande nach allen Regeln der Pariser Regierungskunst.

Er nominierte den populärsten Politiker des Landes, den bisherigen Innenminister Manuel Valls, zum Premierminister. Er tauschte den Parteichef und den Leiter des Präsidentschaftsamtes im Elysée-Palast aus. Zudem sorgte er mit der Ernennung seiner ehemaligen Lebensgefährtin Ségolène Royal zur Energie- und Umweltministerin für etwas mehr Glamour. Dann fuhr er am Karfreitag in die Provinz zu den Arbeitern der Reifenfabrik Michelin, um mit einem Satz sein neues Regierungsprogramm zu verkünden: "Wenn die Arbeitslosigkeit bis 2017 nicht sinkt, gibt es für mich weder einen Grund, erneut zu kandidieren, noch hätte ich eine Chance zu gewinnen." Im Jahr 2017 finden in Frankreich die nächsten Präsidentschaftswahlen statt.

Viel mehr aber werden die Franzosen von ihrem Präsidenten in den nächsten Monaten wohl nicht hören. Der weiß nämlich, wie unpopulär er ist. In Umfragen findet er nur noch 20 Prozent Zustimmung. Dagegen kommt sein neuer Premier auf 60 Prozent. Also muss Valls jetzt reden. Aber die Macht hat in Frankreich der Präsident. Hollande bleibt ein unverbesserlicher Optimist. Er glaubt nicht an den Niedergang der zweitgrößten Wirtschaftsnation Europas. Er sieht Frankreich nicht ins Elend der südeuropäischen Massenarbeitslosigkeit abgleiten. Ihn schrecken auch nicht die Sirenen der Finanzmärkte. Hollande zweifelt nicht an Frankreich.

Vergangene Woche lud der Präsident drei der Top-Ökonomen seines Landes an seinen Mittagstisch. Der Harvard-Professor Philippe Aghion erklärte ihm die dramatische Unterfinanzierung der meisten mittelständischen französischen Unternehmen. Der Finanzexperte Elie Cohen breitete vor ihm die erdrückende staatliche Abgabenlast der Bürger aus. Der Arbeitsmarktfachmann Gilbert Cette riet ihm zu drastischen Reformen im Niedriglohnbereich. Doch einmal mehr winkte Hollande ab. Tags darauf verkündete sein Premier, am französischen Mindestlohn, der zu den höchsten der Welt zählt, werde nicht gerüttelt. Zwar legt der Premier in dieser Woche dem Parlament einen Sparplan vor, damit Frankreich seine Haushaltsdefizitvorgaben aus Brüssel einhält. Vorgesehen sind Minderausgaben von 50 Milliarden in drei Jahren. Doch wehe dem, der das Wort Sparplan auch nur in den Mund nimmt. Valls spricht stattdessen lieber von Schuldensenkungen, die im Interesse der nationalen Unabhängigkeit lägen.

Es scheint, als habe Frankreichs Führung die dramatische Lage nicht begriffen. Dabei steuert die französische Industrie mittlerweile nur noch zehn Prozent zur Wirtschaftsleistung des Landes bei. Tausende von Fabriken mussten in den vergangenen Jahren schließen, ganze Regionen verarmen. Ausgenommen sind nur die prosperierenden urbanen Zentren Paris und Lyon und einige große Unternehmen, die in diesem Jahr alle Börsenrekorde brechen. So setzt Hollande letztlich auf den Optimismus der Eliten. Sollen sich doch andere, wie der rechtsradikale Front National, des dumpfen, wachsenden Pessimismus im Hinterland bedienen. Der könnte am Ende auch noch dem Präsidenten nützen, falls er bürgerliche und rechtsradikale Opposition in gleich große Lager spaltet.

Es ist leicht, Hollande jetzt politischen Zynismus und ökonomische Fahrlässigkeit vorzuwerfen. Doch Frankreich steht nicht still. Sein Wirtschaftswachstum lag im vergangenen Jahr nur 0,1 Prozentpunkte hinter dem deutschen. Die Pariser Metropolengesellschaft bleibt schon aufgrund ihrer Größe, Vielfalt und Demografie die modernste Europas. Konzerne wie Axa, Carrefour und L’Oreal sind weltweit führend. Noch immer wirft der Tourismus neue Rekordsummen ab. Die Frage ist, ob das übermächtige Staatswesen, dem Hollande vorsteht, diese Erfolge tendenziell erstickt oder von ihnen auf die Dauer regeneriert wird. Hollande glaubt an Letzteres und seine Chancen, 2017 wiedergewählt zu werden.