Im Kleiderschrank von Mark Bezner hängen 150 Hemden. Am liebsten trägt er das Modell, das er auch an diesem Tag gewählt hat: weiß, bügelfrei, keine farbigen Knopflöcher oder sonstigen Applikationen, offener Kentkragen. "Body fit", also schmal geschnitten für die schlanke Taille. Dazu einen kornblauen Baumwollanzug, an den Füßen braune Budapester und eine edle mechanische Uhr in Gold am Arm, mit Mondphasenanzeige.

Mark Bezner, Jahrgang 1963, ist der geschäftsführende Gesellschafter des Hemdenherstellers Olymp. Gestern ist er aus Indonesien zurückgekommen. Heute Morgen ist er eine Stunde geschwommen. Damit er beim Frühsport ungestört ist, hat er sich in seinem Garten extra einen Schwimmkanal bauen lassen. Er sieht frisch aus, keine Spur von Jetlag: ein bisschen Gel im dunkelblonden Haar, sein kräftiges Kinn ziert ein Dreitagebart.

Bezner führt in das Testlabor von Olymp. Der Raum ist so nüchtern wie eine Waschküche, es riecht feucht. Links scheuert eine Maschine im Dauertest an einem brandyfarbenen Baumwollgewebe. Hinten rattern fünf Waschmaschinen. An einer Wäscheleine hängt ein tropfnasses Stück Stoff. Es muss sich zeigen, ob er nach dem Trocknen knittert oder ob dieses Material für ein bügelfreies Hemd taugt.

"Die besten Stoffe bekommen wir aus China", sagt Bezner. Bei den traditionellen Webern in Italien kauft er zwar auch noch. Weil sie modische Muster im Angebot haben. "Aber bei der Qualität muss ich dort oft ein Auge zudrücken."

Ein Rundgang durch Bezners Firma in Bietigheim-Bissingen, 20 Kilometer nördlich von Stuttgart, wird zu einer Tour durch die Globalisierung eines mittelständischen Familienunternehmens. Im Foyer hängt ein Ölgemälde, das den Großvater Eugen Bezner zeigt. Der hat 1951, nach der Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft, in der Waschküche seines Wohnhauses in Bietigheim die ersten Hemden genäht.

Zu den Olympischen Spielen schaffte er es nicht: "Ich war übertrainiert"

Heute ist Olymp in Deutschland Marktführer. Gegen den Trend ist das Unternehmen kontinuierlich gewachsen. Es beschäftigt hierzulande 570 Mitarbeiter, im ersten Halbjahr 2013 erzielte es einen Rekordumsatz von 95,4 Millionen Euro. "Wir wollen die Nummer eins in Europa werden", sagt Bezner. Es klingt selbstbewusst, aber nicht großkotzig. Der schwäbische Tonfall macht seine Sätze weicher.

Die Bezners sind eine Musterfamilie des westdeutschen Wirtschaftswunders. Nach dem frühen Tod des Firmengründers übernahm dessen Sohn Eberhard 1960 das Unternehmen. Die Familie machte gern Urlaub in Italien, und dort lernte der kleine Mark das Schwimmen. Als Belohnung für Fortschritte bekam er von den Eltern ein Glas Nutella geschenkt.

Mit acht Jahren bestritt Mark Bezner im Schwimmverein seinen ersten Wettkampf. Er kam in die Junioren-Nationalmannschaft, in der Sportfördergruppe der Bundeswehr trainierte er für die Olympischen Spiele von 1984. Aber er hat es dann doch nicht nach Los Angeles geschafft. "Ich war übertrainiert", sagt er, "in den Ausscheidungen habe ich eine schwache Performance hingelegt."

Auf einem anderen Weg kam er dann doch nach Los Angeles: Er studierte dort Marketing. 1990 übernahm er in der elterlichen Firma zunächst die Verantwortung für Vertrieb und Marketing, fünf Jahre später stieg er in die Geschäftsführung ein. An die Jahre in Amerika erinnert das Schild, das ihm den Parkplatz rechts vom Haupteingang freihält: "Mark’s Parking only". Wenn der Chef da ist, steht dort ein blauer Porsche Panamera.

Im Jahr 2001 hat Olymp diesen Neubau im Gewerbegebiet von Bietigheim-Bissingen bezogen. Zwei Stockwerke hoch, mit einem ordentlichen Metallzaun um das Gelände, der mit roten Rosen nett wirken soll. Ein paar Jahre später war dieses Gebäude bereits zu klein und wurde um zwei Stockwerke nach oben erweitert.

"Ich brauch für mein Ego kein Büro im obersten Stock", sagt Bezner und federt unternehmungslustig die Treppe hinauf. Oben befindet sich die Designabteilung. Die gläsernen Außenwände lassen viel Tageslicht in den Raum, auf langen weißen Tischen liegt die Zukunft: die Kollektion für den Herbst 2014. Stoffe in Rost- und Brandytönen, Musterhemden mit aufwendigen Details, Kragen und Manschetten sind an der Innenseite zum Beispiel mit grauem Jersey gefüttert.

Chefdesigner Georg H. Füth arbeitet seit 1990 bei Olymp. Er beschreibt die Marke als "trendig, aber nicht flippig". Füth besucht regelmäßig die Stoffmesse in Paris, auf der Suche nach Anregungen reist er in die Modemetropolen Europas: Antwerpen, Kopenhagen, Stockholm. "Auch London hat sich wieder zur internationalen Mode-Informationsstadt entwickelt", sagt der Designer, der selbst ein weißes Hemd mit aufgekrempelten Ärmeln trägt.