Der Mensch ist ein flüchtiges Wesen. Er macht sich die Erde untertan, er rodet, er kultiviert, bis er dem Land nichts mehr abgewinnen kann und es der Natur zurückgibt.

Ein Stück grüner Rasen, dürre abgebrochene Halme, abgefallene Blätter, dazwischen eine Decke, die verrottet. Das schwarz-weiß-rote Muster zerbröckelt, die Konturen lösen sich auf. Die Natur zersetzt und bleibt, wenn der Mensch die Weite sucht.

Auf den Aufnahmen, die großflächig im Zentrum des Hauses der Fotografie hängen, ist der Mensch der Abwesende: Er hat die Decke auf der Wiese vergessen. Er hat Bäume gepflanzt und ihre Wurzeln mit Jutesäcken und Draht umwickelt. Er hat einen Maschendrahtzaun gebaut, vor dem ein gekrümmtes Reh im Weiher verwest.

Die Fotografen Ute und Werner Mahler, bekannt für ihre Sozialreportagen aus der DDR, haben sich in die Verlassenheit Brandenburgs und Mecklenburg-Vorpommerns begeben. Für ihre Serie Die seltsamen Tage haben sie verwunschene, übersehbare Orte fotografiert. Natur und Mensch berühren sich nicht, aber sie schauen sich an, in dieser ersten Werkschau des Ehepaars.

Direkt gegenüber der Seltsamen Tage hängt eine Serie von Frauenporträts. Jung sind sie, sie leben in Vorstädten, in Reykjavík, Minsk, Berlin, Florenz. Die identitätsschluckenden Hochhäuser verschwimmen im Hintergrund, die Frauen schauen frontal in die Kamera, den Kopf gereckt. Stolze Ikonen der Unterschicht.

Das ist das Konzept der Ausstellung: Fotografien, die in Menschenschicksale kriechen, meist in Schwarz-Weiß, blicken auf entrückte Naturaufnahmen, meist in ekstatisch kontrastierenden Farben.

Ute und Werner Mahler wuchsen nach dem Krieg in der DDR auf. Sie fotografieren, seit sie Kinder sind. Ihre ersten Serien, in den Siebzigern geschossen, eröffnen die Schau. Es sind Bilder, die Beziehungen zeichnen, die Zusammensein symbolisch überhöhen, wie bei einem jungen Paar, das Ute Mahler in deren Schlafzimmer porträtiert. Er liegt auf dem Bett, der Oberkörper entblößt, der Blick ausdruckslos. Sie sitzt neben ihm, hochschwanger, nackt, schaut an der Kamera vorbei. Über ihnen hängt das Gemälde eines Kleinkinds mit Kulleraugen. Das Wunschbild, dem die Abgekämpften hinterhertrauern, weil sie ahnen, dass ihre Realität nie dem Ideal folgen wird.

Der private Schutzraum wird öffentlich, die Fotografien der Mahlers formen Intimität, die nie ins Vulgäre kippt. Für seine Serie über ein Steinkohlewerk ging Werner Mahler mit Arbeitern unter Tage. Sie haben nichts am Körper außer ihrer Grubenlampe, sind schwarz verschwitzt vom Staub. Erst unter der Dusche verwandeln sie sich, machen sich bereit für die Welt des Lichts.

Die harten Brüche verleihen der Ausstellung Spannung. Der Weg durch die Jahrzehnte führt vorbei an Silly und Winfried Glatzeder, an besoffenen Dorfjungs und dem Bild von zugewucherten Gleisen. Er führt zu Models mit strengen Augen, zu einem fettbäuchigen Neonazi, dessen Kinder den Hitlergruß lernen, und zu einem einsamen Baum, der im letzten Sonnenlicht am Meer thront. Er führt auf das Zentrum, auf die Seltsamen Tage, und letztlich auf ein Bild, in dem sich die Arbeiten der Mahlers eigenwillig verdichten. Die Fotografie zeigt ein kitschiges Wandgemälde: Eine Landschaft liegt im Schnee, ein See im Vordergrund, Birken säumen ihn. Der Himmel war einmal blau, aber das Blau ist abgeplatzt, die unverputzte Wand quillt hervor. Verlassene Idylle.

Was der Mensch in seiner Natur schafft und vergisst, unvollendet und brüchig, das dokumentieren Ute und Werner Mahler.

Ute Mahler und Werner Mahler – Werkschau, Deichtorhallen bis 29. Juni