Die Frühlingssonne scheint in den Besprechungsraum unterm Dach des Schauspielhauses – ein Morgen, um Großes zu beginnen. Jetzt geht es also um die Kirche. Sie steht aus Holz und Pappe auf dem Tisch, in zweiwöchiger Arbeit zusammengeleimt vom Bühnenbildner Michael Graessner, der zur Präsentation aus Berlin angereist ist. Um ihn herum sitzen 15 Mitarbeiter des Theaters, Experten für Licht und Ton, Möbel und Strom, Sicherheit und Dekoration, Männer und Frauen der Tat.

Wenn es darum ginge, die Kirche auf die Bühne des Schauspielhauses zu stellen, wäre alles rasch besprochen. Die Handwerker sind geübte Illusionisten. Sie wissen, wie man die Wirklichkeit ins Theater holt. Aber hier liegt der Fall umgekehrt: Die Kirche ist nicht ausgedacht. Sie steht auf der Veddel und ist dort die letzte Bastion des Christentums inmitten von Muslimen. Sie soll zur Bühne werden und muss dafür umgebaut werden. Das Theater greift ein ins wirkliche Leben. Graessner schwärmt: Alle Kirchenbänke raus, Teppich und einen tief hängenden Kronleuchter rein, wie in einer Moschee!

Der Bühnenbildner beschwört seine Vision von einem Kultur- und Begegnungsraum jenseits der Konfessionen. Die Handwerker sind skeptisch. Wie machen wir das mit der Statik? Was sagt die Bauaufsicht dazu? Und was die Diözese?

Die dreistündige Sitzung wirkt wie eine Szene über die Mühen der Ebene, gegeben wird sie nur hinter den Kulissen des Schauspielhauses. New Hamburg heißt das Großprojekt, an dem hier gearbeitet wird, es handelt von der Annäherung des größten deutschen Sprechtheaters (1200 Plätze) an einen der ärmsten Hamburger Stadtteile: Jeder Vierte auf der Veddel lebt vom Staat (1200 Bedürftige).

Das Schauspielhaus wagt von St. Georg aus den Sprung über die Elbe. New Hamburg wird am Sonnabend, dem 17. Mai, mit einem Fest rund um die Veddeler Immanuelkirche eröffnet. Später soll es dort dann Veranstaltungen geben, Lesungen, Workshops, Musik und im Oktober ein dreiwöchiges Theaterfestival mit eigens angefertigten Produktionen. Auf der Veddel, von der Veddel, mit der Veddel, für die Veddel – und für alle anderen natürlich auch.

"Wir wollen das Theater öffnen in die Stadt", sagt der federführende Dramaturg Björn Bicker. "Wir wollen dahin, wo die Leute sind, diese Ressource auch mal anderen zur Verfügung stellen."

Das Vorhaben, einzigartig in der deutschen Theaterlandschaft, hat eine Kölnerin angestiftet, Karin Beier, als neue Intendantin ebenfalls Immigrantin. Sie engagierte die Dramaturgen Björn Bicker, Malte Jelden und Christian Tschirner, die mit dem Bühnenbildner Graessner und einem harten Kern weiterer Mitstreiter das Projekt vorantreiben.

New Hamburg handelt vom Weggehen und Ankommen. Verlassen wir also das Schauspielhaus, überqueren die Kirchenallee, gehen in den Hauptbahnhof und nehmen die S3 Richtung Harburg. Zwei Stationen, und wir sind auf der Veddel. Nur wer hier wohnt, steigt hier aus. Die Veddel ist ein Vorbeifahrstadtteil, obwohl schon die Aussicht vom Bahnsteig einen Zwischenstopp lohnt. Über dem Wasser schwebend hält der Zug, die Elbinsel Veddel am nördlichen Ende, die Elbinsel Wilhelmsburg am südlichen. Nach Westen hin die Hafenkräne und die Silhouette der Elbphilharmonie, nach Osten hin der Müggenburger Zollhafen, der jahrzehntelang das Quartier der Binnenschiffer war. Nicht einer ist mehr da. Wo sind sie hin? Verschwunden im Strudel der Zeit.

Die Veddel ist ein Hamburger Helgoland, so winzig wie scharf umrissen. 5000 Menschen leben hier, eingezwängt zwischen Autobahn, Eisenbahn und Hafen, die meisten in massiven Rotklinkerkasernen ohne Balkon. Von 100 Veddelern sind 50 türkischer Abstammung. Je 20 kommen aus dem früheren Jugoslawien und aus Afrika. Mehr als 60 Nationalitäten sind vertreten. Unter den gebürtigen Deutschen fallen die paar Hundert Studenten auf, mit billigen Buden angelockt von der städtischen Wohnungsgesellschaft Saga GWG, um die Phalanx der Migranten etwas aufzulockern.

Vom Bahnhof zur Kirche sind es nur ein paar Minuten. Ulfert Sterz wohnt im einzigen Einfamilienhaus der Insel, welch ein Luxus, aber der Platz ist auch hier knapp. Seit die Diakonin ihr Büro im Pastorat hat, betreibt der junge Geistliche seine Dienstgeschäfte im Wohnzimmer. Die kleinen Kinder laufen herum, die Wäsche trocknet. Familie und Gesellschaft sind bei ihm und seiner Frau eins, eine sehr christliche Haltung, nicht immer einfach zu leben. Die Klingel stellen sie inzwischen nachts ab. Die Bittsteller kommen sonst morgens noch vor sieben und abends noch nach zwölf. Der Pastor hilft mit Ravioli in Dosen und ein paar Euros, besonders wenn Familien kleine Kinder haben.

Vor zwei Jahren kam er her, aus dem Osten, nicht ahnend, was ihn erwartete. "Ich hab die Veddel nicht gekannt, obwohl ich drei Jahre in Hamburg studiert hatte." Er kann von verschimmelten 40-Quadratmeter-Wohnungen berichten, in denen acht Menschen leben, Kinder inklusive, mit Bädern, "in denen seit 30 Jahren kein Finger gerührt wurde". Unten aufgebrochene Briefkästen im Hausflur, die Keller voller Müll. "Es ist die reichste Stadt Deutschlands, aber so ein Elend habe ich noch nie gesehen."

Seine Gemeinde existiert nur auf dem Papier. 800 Briefe mit Einladungen verschickte er an die Mitglieder, sogar mit Preisausschreiben. Pizzagutschein zu gewinnen! Acht Antworten kamen zurück. Bei den Gottesdiensten am Sonntag war er oft der einzige evangelische Christ. "Über ein Jahr habe ich versucht, die Volkskirche zu leben, aber es hatte keinen Sinn." So entschloss er sich, die Kirche bedingungslos dem Stadtteil zu öffnen, der zu 80 Prozent muslimisch ist.