Sie wollten ihn nicht haben. Sie haben alles getan, um ihn zu verhindern. Eine Bürgerinitiative gegründet, eine Facebook-Seite erstellt, einen Volksentscheid beantragt. Er sei ein "Rosthaufen", haben sie gesagt, ein "Scheißding", ein "Mahnmal für politische Dummheit", keiner in Zürich brauche so etwas, und wenn doch, solle er nach Basel am Rhein ziehen.

Oder gleich nach Hamburg.

Und trotzdem. Der Hafenkran steht seit Gründonnerstag. Mitten in der zierlichen Zürcher Altstadt. Am Ufer eines Flüsschens namens Limmat, das in etwa die Breite der Bille bei Billstedt hat. Knapp 50 Meter ragt der Kran in den Himmel, neun Monate lang soll er bleiben, und er ist nicht allein. Ein Schiffshorn wird ihn akustisch begleiten, wird einmal pro Woche über Zürichs Dächern ertönen, so laut, als kündige es eines dieser gewaltigen Containerschiffe an, die in Hamburg alle paar Stunden einlaufen.

Den Hamburgern mag so etwas ganz normal vorkommen. Doch was am einen Ort wie eine Alltäglichkeit wirkt, geht am anderen, fern der See oder einem ihrer Zubringer, als Kunstprojekt durch. Einen Hafenkran in Zürich aufzubauen, das ist in etwa so, wie wenn die Hamburger im Bispinger Snow Dome einen Tag lang eine armselige Kunstpiste hinunterschlittern. Ein Spiel mit Sehnsüchten und Künstlichkeit. Bloß ist das mit dem Hafenkran viel teurer. Und sehr umstritten.

Eine halbe Million Euro wird der Kran die Stadt kosten, eine Summe, die von den Gegnern eifrig mit anderen Budgetposten verglichen wird. In Altersheimen habe man die Fleischzulage gekürzt, sagen die Rechtskonservativen und Wirtschaftsliberalen – und zur gleichen Zeit investiere man in einen Hafenkran? In Zürich? Was soll das? Und wer kann so etwas wollen?

Einer, der will, heißt Jan Morgenthaler. Er sitzt im Gran Café Motta am Limmatquai und trinkt Bier, Marke Feldschlösschen, mittags um zwei. Morgenthaler ist Sprecher der Künstlergruppe, die das Projekt entwickelt hat. Unter seine Mails schreibt er: "Mit maritimen Grüßen". Auf den Kran angesprochen, sagt er Dinge, die Künstler so sagen, wenn sie nach dem Zweck ihrer Kunst gefragt werden: dass das Werk für sich spreche. Und dass es einen Diskurs anstoßen solle. Aber im Grunde genommen geht es hier um mehr als L’art pour l’art.

Denn so ein Kran steht für das Meer. Und damit für Weite. Und damit für eine liberale Weltoffenheit, die der Schweiz in den Augen der Künstler fehlt. Morgenthaler spricht über die Stadtgeschichte, über lang zurückliegende Pläne, Zürich über einen Kanal an die Hochseeschifffahrt anzubinden. Er sagt: "Immer wenn es eng wurde in der Schweiz, war die Sehnsucht nach dem Meer am größten", und, klar, da bezieht er sich nicht nur auf die Vergangenheit, sondern auch auf das Heute. Da kann man einen Hafenkran sogar in Beziehung zum Schweizer Volksentscheid gegen die Zuwanderung setzen. Das macht ihn zum Statement. "Der Kran", sagt Morgenthaler, und er ballt die Faust, und obwohl er eigentlich schüchtern wirkt, wird er plötzlich laut, sodass die anderen Cafégäste gar nicht anders können, als zuzuhören, wie er den Satz zu Ende bringt, "ist stark!"

So ein Hafenkran steht für Weite und Weltoffenheit. Das schmückt die Stadt

Das Gran Café ist ein Straßenlokal mit Blick auf den Kran. Verwittert, verrostet, blassgrün – vor der Puppenhauskulisse der Altstadt sieht der Kran tatsächlich monströs aus. Passanten halten inne. Die Frühlingssonne steht hoch, sie schieben die Hand in die Stirn, um nach oben zu schauen. Viele schütteln den Kopf, doch Morgenthaler sagt, dass sich die Stimmung langsam wende. Er erzählt, dass ein Fahrer der Tram, die am Kran vorbeiführt, außerplanmäßig gehalten habe, um auszusteigen und ein Handyfoto zu machen. Und dass eine Fremde ihm gesagt habe, erst mit dem Kran sei ihr klargeworden, wie "herausgepützelt" Zürich eigentlich sei.

Morgenthaler ist 58 Jahre alt. Mit der hohen Stirn, den Sommersprossen und der schwarzen Brille sieht er aus wie ein jüngerer Woody Allen. Berühmt ist er nicht, und vielleicht war das ein Nachteil. Wenn sich Olafur Eliasson dazu herabgelassen hätte, das Wasser der Limmat knallrot zu färben, wäre die Öffentlichkeit weniger kritisch gewesen. Für den Kran musste die Gruppe sechs Jahre lang kämpfen. Den Wettbewerb für "Kunst im öffentlichen Raum am Limmatquai" entschied sie schon 2008 für sich, gegen einen Leuchtturm und eine Stahlkugel, doch damit war noch gar nichts gewonnen.

Morgenthaler zählt auf, was ihn seither beschäftigt hat: das Ringen um die Baugenehmigung. Das knappe Dafür im Stadtparlament. Die Kampagne der Gegner und die Unterschriftensammlung für eine Volksabstimmung. Dazu die Reisen nach Hamburg und Rostock, um einen geeigneten Kran zu finden. Und ganz am Ende, als schon alles geregelt schien, verlangte ein Kreisarchitekt noch eine separate Baugenehmigung für das Schiffshorn. Morgenthaler ereifert sich wieder. "Ein Ton", ruft er, nun schon fast im Falsett. "Sie wollten eine Baugenehmigung für einen Tooooon!" Schließlich einigte man sich, dass das Schiffshorn, damit es keine Baugenehmigung benötige, nirgendwo länger als 30 Tage stehen dürfe. Also wird das Horn wandern, von einem Dach zum nächsten.