Mit Kontaktlinsen in den Augen einzuschlafen ist nicht die beste Idee. Das weiß jeder, dem das mal passiert ist. Wenn es gut geht, sind die Augen am nächsten Morgen nur trocken. Oft aber sind sie knallrot, und die Linsen haben sich so festgesaugt, dass sie sich nur noch mit großer Mühe herausnehmen lassen.

Dieses Problem soll nun der Vergangenheit angehören, glaubt man den Angaben namhafter Kontaktlinsenhersteller. Gleich mehrere von ihnen werben mit Linsen, die man einen ganzen Monat lang Tag und Nacht tragen können soll – ohne sie zwischendurch ein einziges Mal aus dem Auge entfernen zu müssen.

Für viele der knapp dreieinhalb Millionen Kontaktlinsenträger in Deutschland wäre das eine gute Nachricht. Das zeitfressende abendliche Ritual des Herausnehmens und Pflegens entfiele, genau wie Hygienefragen im Zelturlaub und logistische Probleme beim Übernachtungsbesuch ("Hast du zufällig Kochsalzlösung da?").

Aber halten die Hightech-Linsen, was sie versprechen? Ist es aus medizinischer Sicht überhaupt zu vertreten, einen Monat lang einen Fremdkörper auf der Augenoberfläche zu tragen – denn nichts anderes ist eine Kontaktlinse? Werden die Augen noch mit genügend Sauerstoff versorgt?

Die dünne Hornhaut auf unserer Pupille enthält keine Blutgefäße, sie muss durchsichtig sein, damit wir ungehindert gucken können. Den nötigen Sauerstoff erhält sie hauptsächlich über den Tränenfilm. Weiche Kontaktlinsen, zu denen die 24-Stunden-Tag-und-Nacht-Linsen gehören, bedecken die gesamte Hornhaut sowie einen Teil der angrenzenden weißen Bindehaut. Bevor die Technologie ausgereift war, wurde die Hornhaut dadurch praktisch von der Sauerstoffzufuhr abgeschnitten.

Zumindest was diesen Punkt betrifft, kann Manuel Hermann jedoch Entwarnung geben. Er ist ärztlicher Leiter des Kontaktlinsenlabors an der Uniklinik Köln und hat die Entwicklung des Marktes in den letzten Jahren verfolgt. "Die Kontaktlinsen, die heute für dauerhaftes Tragen zugelassen sind, bestehen aus extrem sauerstoffdurchlässigem Material", sagt er. In der Regel handelt es sich um Silikon-Hydrogel. Durch wassergefüllte Poren in der Linsenmatrix kann der Sauerstoff gut zur Hornhaut gelangen. "Schäden durch Sauerstoffmangel sehen wir bei unseren Patienten nur noch selten", sagt Hermann. "Das ist auch bei den 24-Stunden-Linsen nicht der springende Punkt."

Sorgen bereitet dem Augenarzt eher die Hygiene. Das Problem ist von herkömmlichen weichen Tages- und Monatslinsen bekannt: Augeninfektionen sind bei Kontaktlinsenträgern etwas häufiger, und sie verlaufen oft auch schwerer als bei Patienten ohne Kontaktlinsen. "Eine weiche Linse auf der Hornhaut wirkt bei kleinen Entzündungen wie ein Verband", erklärt Hermann. "Deshalb setzen wir weiche Kontaktlinsen sogar therapeutisch als Schutz nach Augenoperationen ein." Doch die positive Eigenschaft hat einen unangenehmen Nebeneffekt: Setzt sich unter einer dauerhaft getragenen Linse eine Infektion fest, hat der Patient keine Schmerzen. Er merkt nicht oder sehr spät, dass mit dem Auge etwas nicht stimmt.